Aufschub

 

Meine vorläufigen Tode

Schwarze Larven

Entpuppen sich

Zu Schmetterlingen

 

Jedesmal

Fliegt mein Leben froh

Wieder davon

 

 

 

Sønderho I

 

Es wäre so

Wie Wolken weiß

Im Himmelblau

Vorüberziehn

 

Der Wind durch Dunkelgrün

Von Bäumen Büschen tobt

Und Sonne heiß

Auf meine Stirn

Herunter brennt

 

Nichts sonst -

Dann könnt' ich

Gehn

 

 

 

Sønderho II

 

Decksbalkenschielen

Unter altem Reetdach

Kleine Menschen

Lebten hier früher

Ich setze mir

Einen Hut auf im Haus

Als Schutz

Und alles riecht noch

Nach Kuhstall

 

Draußen an den Fahnenmasten

Weht nirgends eine Flagge der Deutschen

Dahinter am Strand versinken noch

Ihre Bunker

 

 

 

Sønderho III

 

Oben im Blau

Fremde Insel

Mehrere Kontinente

Clownsgesicht

Schneelandschaft

Irrwisch mit Häkchen

Einhornherde

Korallenturm

Jedes sieht anders aus

Und sind alle gleich

Wolken

 

 

 

Der Hahn Erdogan

 

Ostfriesen lebten einst gefährlich

Als Witzfiguren unentbehrlich

Ein Menschenschlag den jeder kennt

Und alles ohne Präsident

 

Sie hatten keinen Erdogan

Der ihnen gern als Gockelhahn

Von morgens früh bis abends spät

Das Lied von Deich und Watt gekräht

 

Und hätte ihnen alle Zoten

Und Lachen über ihn verboten...

Den hätten sie gewiß verachtet

Und eines Abends still geschlachtet

 

Und rasch verspeist. Jedoch ich frage:

Wär' dies die Lösung heutzutage?

Die Menschheit könnte sich besessen

An Diktatoren überfressen

 

 

 

 

das gerücht

 

es ist was passiert

nicht hier

woanders

zum glück

sonst wäre es schlimm

sehr schlimm

so aber auch

ist es schlimm genug

 

das stimmt gar nicht

sagt jemand naja

es hätte aber

passieren können

auf jeden fall

bei diesen leuten

es sind einfach zu viele

da muß was passieren

 

sie hätten es getan

bestimmt

allein die möglichkeit

das reicht schon

es wäre sowieso passiert

früher oder später

wem das nicht reicht

hat selber schuld

 

 

 

 

 

 

Kongreß der Fluchtursachen

 

 

Meine Damen und Herren,

 

  setzen Sie sich. Ah - ich sehe, Sie sitzen schon. Herzlich willkommen!

 

  Ich bitte um Ruhe. Wir sind doch hier nicht im Erstaufnahmelager. Jeder kommt zu seinem Recht. Also bitte beruhigen Sie sich. Danke.

 

  Es ist wundervoll, daß so viele gekommen sind. Bis vor kurzem hat es gar nicht danach ausgesehen. Man war verzagt und lustlos, schämte oder fürchtete sich gar. Aber warum denn? Haben wir dies nötig? So rufe ich es heute laut aus, damit alle in diesem Land es hören können: Herzlich willkommen zum ersten bundesweiten Kongreß der Fluchtursachen!

 

  Daß wir uns öffentlich treffen und unsere Interessen formulieren und vertreten wollen, lag in der Luft. Wer wöchentlich, ja täglich hören muß, daß man ihn bekämpfen will, der darf wohl auch einmal etwas dagegen sagen. Frau Merkel, hier sind wir, von denen sie ständig reden, wir sind stolz auf uns als Ursache, und lassen uns folglich aus diesem Land nicht vertreiben. Wohin sollen wir denn gehen? Danke, danke für den herzhaften Beifall.

 

  Daß wir uns nun organisieren, ist auch eine Frage des Gemeinwohls. Wenn jeder das sagt, was man ja wohl einmal sagen darf, ist damit allen gedient. Wir wollen hier nicht von Einzelinteressen reden, wir blicken auf das Große und Ganze, auf das große "wir", denn Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Wie bitte, was rufen Sie da? Das stehe so auch im Programm der NSDAP von 1920? Wer sind sie denn? Haben Sie sich bei der Mandatsprüfungskommission als Fluchtursache überhaupt angemeldet? Nun - wir werden das prüfen. Bleiben Sie vorerst sitzen. Sie erfahren bald, ob wir Sie als Kongreßteilnehmer anerkennen können. Wie bitte? Danke - keine Ursache. Wir schaffen das.

 

  „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger", so soll einmal unser unvergessener Bundespräsident Heinrich Lübke bei einem Staatsbesuch 1962 in Liberia eine Rede begonnen haben. Was immer auch daran gewesen ist, ich scheue mich nicht, Ihnen zuzurufen: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Ursachen!" Und somit komme ich zur Begrüßung einiger besonders liebenswerter Gäste.

 

  Ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter der Firmen Diehl Defence, Airbus Group, Kraus-Maffei Wegmann, Heckler & Koch, Rheinmetall, Thyssen-Krupp, Tognum AG, Männer und Frauen aus den Firmenleitungen, Aufsichtsräten, Betriebsräten, die beispielhaft und in echtem Gemeinsinn dafür sorgen, daß deutsche Rüstungsgüter in alle Welt verbracht werden und dort dafür sorgen, daß diese Welt von Tag zu Tag mehr zusammenwächst. Ein herzliches Willkommen auch an den hier unten in der ersten Reihe sitzenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik, die sich seit vielen Jahren ganz selbstlos als gemeinnütziger Verein für die staatliche Sicherheitsvorsorge Deutschlands engagiert. Ich sehe noch viele andere hier im Saal versammelt, die sich um diese schöne Gemeinschaftsaufgabe kümmern und kann sie gar nicht alle nennen. Schön, daß Sie da sind! Nicht alle Fluchtursachen sind so klar zu erkennen, Ihnen sieht man es wahrlich an!

 

  Wen soll ich alles nennen, wen ausdrücklich begrüßen? Wir kennen uns doch alle und arbeiten vielerorts und mannigfaltig zusammen. Ich sehe etwa dort in der zweiten Reihe von vorn einige bekannte Gesichter aus der Lebensmittelindustrie, Persönlichkeiten, die mit einem Gefühl echter Fürsorge für die Ärmsten dieser Welt all das was hier in diesem unserem satten Lande nicht verwertet werden kann, zu günstigen Preisen in die Entwicklungsländer des Südens bringen, um dort den alltäglichen Hunger zu bekämpfen. Daß dabei einige vorsintflutliche Landwirtschaftsbetriebe vor Ort weichen müssen, dürfte jedem einsichtig sein. Keine Ursache ohne Wirkung. Es ist genug für alle da. Kein Fortschritt ohne Folgen. Seien Sie willkommen!

 

  Und dann auch alle andern, Verbraucherinnen und Verbraucher, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Aktionärinnen und Aktionäre, überhaupt alle, die von der starken Stellung Deutschlands als Exportweltmeister profitieren, eine Stellung, die es nun einmal erfordert, daß wir unsere Interessen weltweit mit vielerlei Mitteln vertreten und den einen oder die andere infolgedessen dazu bringen müssen, uns nun aufzusuchen, um einen scheuen Blick auf all das zu werfen, was fleißige Hände hierzulande erwarben. Viele von denen, die nun zu uns kommen, werden schon bald, ich hoffe: möglichst bald sich selbst in der einen oder anderen Weise im Kreise der Fluchtursachen wieder finden. Helfen wir ihnen dabei. Es wird zu unser aller Besten sein.

 

  Und nun: Feuer frei! Sie haben das Wort....

 

 

 

 

 

die scham

 

 früher wenigstens trennten uns mauern.

 die mauern waren hoch und häßlich, man wußte genau was sich dahinter befand. dieses wissen bot sicherheit. man mußte nicht einmal seinen augen trauen.

 wir besaßen wenig, aber wir besaßen unsere mauern.

 gelangte jemand aus irgendeinem grund hinter so eine mauer, sei es von der einen, sei es von der anderen seite, konnte er sich nur wundern, wie wenig die anderen dort drüben über sich, dafür umso mehr über ihren gast und dessen welt wußten. die gastgeber glaubten zu wissen, wußten aber nichts über ihren glauben, diese narren.

 der besucher fühlte sich unwohl und doch wohl unter ihnen, war er doch so viel besser informiert über sie als sie über sich und so viel besser über sich als sie über ihn. also versuchte er zu helfen, behutsam aufzuklären, ein wenig licht ins dunkel zu bringen, doch diese verblendeten ließen es nicht zu, waren unbelehrbar. auch mußte der besucher bald zurück, dorthin, wo er hingehörte, an den ort seines wissens.

 er kehrte heim mit einem gefühl der scham, wußte jedoch nicht vor wem und wessen er sich schämte. nach einigen tagen war dann die scham verschwunden.

 heute besitzen wir nicht einmal mehr mauern, unser wissen ist grenzenlos, schamlos, und unseren augen trauen wir alles zu.

 

 

 

 

Tektonik mit Dreizehn

 

Dicke gelbe Lava

Quillt aus furunkulösen

Kraterbergen jugendlicher Haut.

Pustelige Gipfel des

Körpereigenen Vulkanbezirks

Ragen auf in der unruhigen Region von

Unterarmen und Handoberflächen.

Warum will das Innere

Dort nur hinaus?

 

Abends heilt der Vater

Sorgender Erdgott

Mit Binden und Salben

Die Grabenbrüche des

Pubertierenden Sohnes.

Etwas in ihm

Hat bisher geschlafen

Unter allem Sichtbaren

Denkbaren

Im staunenden Ekel vor dieser eiternden Tiefe

Fühlen Vater und Sohn sich

Vorläufig vereint.

 

 

 

 

Verden I

 

Heimat ist

Wo an einem grauen Sonntagmorgen

In einer Windmühlenstraße um 7 Uhr 15

Schon eine Bäckerei mit Klo auf hat

Wo ich meine übel drängende Morgenwurst

Lassen kann

Scheiß Heimat: Im Bahnhof

Waren beide Klos KAPUTT

 

 

 

Verden II (Weigerung)

 

Hier

In dieser Buchhandlung

Habe ich GELERNT

1971 bis 1973 das

Ist nun ein Laden für Tüdellüt

Das kann nicht sein

Das Fischgeschäft Bremer

Geschlossen

Butter-Eiche verschwunden

Café Engelhardt frei zum Abriß

Meine Schule steht noch

Behaupte ich

Lieber bin ich nicht hingegangen

Nein - das kommt nicht in Frage

An all das Neue

Werde ich mich

Nicht erinnern

 

 

 

Verden III

 

Glaubst Du

Irgendwer wird sich an Dich

Erinnern glaubst Du

Irgendwas wird Dir noch

Gefallen

Glaubst Du

Irgendwer wohnt hier noch und

Sei es woanders

Am Stintfang

In der Lindhooper

Straße am Meldauer Berg

In Eitze Hönisch

Vergiß es ach vergiß die

Verpisste Stadt Deiner Jugend

Mit all den alten Nazis

Alten Bäumen am

Wall jetzt abgeholzt

CDU Bürgermeister SPD

Bürgermeister je nach

Wetterlage eingeregnet

Oder Sonnenschein

Bloß die Aller strömt und strudelt

Wie zu Eberhard von

Holles Zeiten und hier

Am Ufer neben der Brücke

Haben wir 1970

Unsere Joints geraucht

Die haben mich

Zu dem gemacht

Was bleibt

 

 

 

 

Kabeljo

 

 Jo Kabel hatte in seinem Leben bisher eine Million, achthundertneunundsechszigtausend und vierhundertundsiebenunddreißig Worte gesprochen. Dann verstummte er für immer. Er war neununddreißig Jahre alt und sprach nie wieder ein Wort.

 Nicht daß er sich dies in irgendeiner Weise vorgenommen hätte. Es geschah, und es geschah auf eine überraschende Weise als Jo wie gereimt auf dem Klo saß. Er hatte sich erleichtert, hatte - wie seine Mutter es immer nannte - Groß gemacht, griff zur Klorolle. In diesem Moment hätte er noch sprechen können. Zu spät: Er entrollte drei Blatt Papier, riß ab, faltete sie übereinander, fuhr damit hinter sich, wischte ab, zog die Hand wieder hervor, betrachtete die abgewischte Frucht seines Darms und bekam Lust sie abzulecken.

 Er leckte sie ab, schluckte sie runter.

 Und von diesem Moment an gab es für Jo keinen Grund mehr zu sprechen. Es war einfach nicht mehr nötig. Er begriff, daß alles bisher Geredete nur überflüssig wie verschwendete Spucke gewesen war, an und für sich nichts mit ihm zu tun gehabt hatte. Dieses Lecken hatte ihn von der Wurzel her verwandelt.

 Er lebte fortan nur durch seine Zunge.

 

 Jo erleckte zunächst sich selbst. Es gelang ihm, eine stets wachsende Fläche seines Körpers neu zu entdecken. Als er die Grenze des mit der Zungenspitze irgendwie noch Berührbaren erreicht hatte, begann er seine Umgebung zu bezüngeln: Fußböden, Gehsteige, Straßenpflaster, Treppen, alles Begehbare wurde auch beleckt, bis in feinste Ritzen und Ecken. Es folgten Vertikalen: Wände, Bäume, Laternenmasten...

 Infolge des leckenden Lebenswandels vergrößerte sich Jos Zunge zusehends. Allmählich begann sie ihm aus dem Mund herauszuhängen, zunächst für ein bis zwei Zentimeter über die Unterlippe, dann bis zur Kinnspitze hinab, so daß er mit der Zungenspitze in der anderen Richtung bis zur Nasenwurzel, bald bis an die Augenbrauen gelangen konnte. Selbst wenn er es gewollt hätte, nun konnte er nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Die Zunge nahm die tiefrote Farbe eines Hahnenkammes an, mit einem Geflecht blaugrün schillernder Adern an ihrer Unterseite. Es war nur eine Frage der Zeit, daß diese anatomische Besonderheit mit ihren phantastischen Möglichkeiten dem anderen Geschlecht auffallen mußte, an das Jo früher nur eine Unzahl an Worten vergeudet hatte.

 Als erstes verliebte sich eine Yvonne in Jo. Sie sah ihn auf der Straße sich im Ohr lecken, schon war es um Yvonne geschehen. Sie folgte ihm, ihre Blicke trafen sich, man ging in ein Cafe, er nahm sie mit nach Haus, das Übliche. Aber was dann kam, war ganz und gar nicht üblich. Was andere Männer mit der Zunge vermochten, konnte Jo zehnmal besser, größer, länger. Er konnte mit seiner Zunge tief in Yvonne eindringen. Ohne die übliche Zeitverzögerung ließ Jo sein Organ rein gedanklich gesteuert zu praller Größe wachsen. Und sein traditionelles Liebeswerkzeug war als nette harte Abwechslung zusätzlich da. Jo, ein Stecher mit zwei Zinken, die sich wundervoll ergänzten: Yvonne war restlos begeistert. So weinte sie bittere Tränen, als Jo ihr eines Tages wortlos, allein durch Absenken seiner Zunge zu verstehen gab, daß „Schluß“ sei. Denn es gab bereits eine Christine.

 Rasch sprachen sich seine Fähigkeiten in der Stadt herum. Auf Christine folgten Gaby, Scheila, Susanne, Rosy, Aysche, Frauen und immer mehr Frauen, die sich nach Jos Zunge verzehrten. Als besonders angenehm empfanden sie alle es, daß Jo keine überflüssigen Worte machte, mit gezäumter Zunge sofort zur Sache kam.

 Das war eine anstrengende Zeit für Jo. Man verpaßte ihm als Spitznamen das Anagramm Kabeljo, was zugleich an einen Kabeljau erinnerte. Immer ging von Jo’s Gesicht ein durchdringender Fischgeruch aus, den er selbst gar nicht wahrnahm.

 

 Allmählich wurde Jo zu einem Ärgernis, ja man begann ihn zu hassen. Pastoren warnten vor ihm von der Kanzel, besonders an Pfingsten, wenn andere in Zungen redeten, Jo aber stumm sein gottloses Unwesen trieb. Kein Mann konnte sicher sein, daß seine Frau oder Freundin, Schwester oder Mutter nicht gerade beim Kabeljo war. Nachdem die Geliebte eines hohen Staatsbeamten Jo zur Teatime gebeten hatte, dies jedoch jenem zu Ohren kam, wurde Kabeljo unter dem Vorwurf, sein Kopf besitze einen krankhaften Auswuchs, der von ganz tief innen komme, in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Dort diagnostizierte man eine gefährliche Psychose, die den Patienten zu fortwährenden perversen Züngeleien zwänge. Dieser Tatbestand wurde in Form zungenbrecherischerer Fremdwortkonstruktionen in Jo’s Krankenakte eingetragen. Man verklebte das Gesicht des Psychopaten von den Nasenlöchern abwärts mit einem riesigen Pflaster und ernährte ihn künstlich über eine Kanüle.

 Eines Morgens erwachte Jo aus tiefer Narkose. Er spürte eine Veränderung: Das Pflaster war fort und ein Nasenloch juckte. Wie früher wollte er den Juckreiz mit der Zungenspitze stillen, doch gab es keine Zunge mehr. Jo stieß die Bettdecke von sich, stürzte aus dem Bett, tobte im Zimmer umher, schlug alles kurz und klein. Nach zwei Tagen in einer Gummizelle verlegte man ihn in einen abgelegenen geschlossenen Trakt der Klinik, fixiert, weggeschlossen.

 Nach einem halben Jahr, als niemand sich mehr an seinen Fall erinnern konnte oder wollte, tauschte man Jo’s Krankenakte aus. Er erhielt einen neuen Namen, hieß nun Otto Stumpf und galt fortan als schwer traumatisch gestört infolge eines unfallbedingten Verlustes der Sprechfähigkeit.

 

  Nun lebt Jo als Otto Stumpf, lebt seine lieblosen Tage, verlebt sein Leben, stumm, alles ist geregelt.

 Nur zuweilen, vor allem wenn er des morgens vergißt seine Medikamente einzunehmen, überkommen ihn schlimme Phantomschmerzen, dort wo das Gehirn seine Zunge weiß. Dann geht er aufs nächstgelegene Klo, setzt sich auf die Brille, reißt ein paar Blatt Papier ab, zerknüllt und formt sie mit einem Rest Spucke, die er noch hat, in den Händen zu einem Ball. Er schiebt die Kugel in den Mund. Und jedesmal wenn es ihm gelingt den Papierknödel zu zerkauen und hinunterzuwürgen, fühlt er sich etwas stolz. Er versucht sich vorzustellen, er sei sein eigener Magen, der genußvoll den von oben herabströmenden Papierbrei aufnimmt, aber von allem, was vorher damit geschah, nichts weiß und wissen muß. Ganz Magen hockt Otto dann auf dem Deckel, windet sich, zieht sich zusammen, bläht sich auf, verdaut sein Glück, verdaut und verdaut solange bis irgendwer an der Klotür rüttelt und Einlaß begehrt.

 Das Wort „Zunge“ hat er aus seinem Denken verbannt. So ficht es ihn nicht an, wenn Ärzte oder Pfleger gelegentlich sich scherzhaft zurufen, böse Zungen hätten wieder einmal behauptet, Stumpf mache heimlich auf dem Lokus Sprechübungen, der Idiot... Sie wissen nichts vom Leben, wissen nichts über sich, aber reden zuviel.