Hotel Höltje

 

  Zurück in Verden. Eine Seltenheit.

  Ich saß auf einer der Bänke am Allerufer schräg unter der Südbrücke und dachte nach über dieses Wort „Seltenheit“.  Es hat etwas Erhabenes, wie „Wahrheit“ oder „Hoheit“. Gegrüßt sei ihre Hoheit, die Seltenheit.

  Eine Bewegung links von mir schob sich in meine Gedanken. Jemand setzte sich auf die andere Bank. Augenwinklig saß dort ein Schemen, eine Frau. Ich sah genauer hin; sie blickte nach unten aufs Wasser. Ich sah auf die Stelle im Wasser, auf der ihr Blick ruhen mußte, erblickte einen kleinen Ast, folgte ihm nachblickend unter die Brücke, wo er verschwand. Ich wandte meinen Kopf zurück nach links; die Frau blickte jetzt hinüber zum anderen Ufer.

  Kurze schwarze Haare mit etwas Grau, Blue Jeans, helles Hemd oder Bluse? Was ist der Unterschied?  Wenn ich jetzt länger hinsähe, würde sie es sofort merken. Dann würde sie irgendwas in ihrem Gesicht rümpfen, sich nach links wenden. Oder sie blickte her zu mir, und es hülfe nichts, wenn ich so täte, als würde ich eigentlich über sie hinwegsehen hinüber zu einem fernen Punkt hinten in den Wiesen von Hönisch. Frauen wissen, daß das nur Show ist.

  Es geschah aber nichts, kein Rümpfen oder Kräuseln, kein Kopfwegdrehen, kein Herblicken. Wäre ich noch regelmäßiger Raucher, hätte ich mir jetzt eine Zigarette angezündet.

  Sind Männer so strukturiert, daß sie glauben, es müsse in so einer Situation immer irgendwas passieren? Eine Kontaktaufnahme, ausgehend natürlich von ihm? Ich blickte gerade versunken in diesen Gedanken hinüber zum Pfadfinderheim, als oben auf der Brücke ein Geschrei losging. Ein Wagen hatte auf der einspurigen Überquerung angehalten, der Fahrer war ausgestiegen und brüllte einen anderen Mann an, der ein Fahrrad bei sich führte und kleinlaut am Geländer lehnte.

  Ich sah nach links zu der Frau auf der Bank, und sie sah mich an und grinste schemenhaft. Oben auf der Brücke hörte man nun den Radfahrer reden, es klang entschuldigend, aber zunehmend in auftrumpfendem Tonfall; ich wollte etwas zu der Frau sagen und merkte, daß der Abstand zwischen den Bänken zu groß war um verstanden zu werden, ohne daß ich etwas gerufen hätte. Ich schüttelte den Kopf, stand auf und ging zu ihr hinüber. Ich entdeckte dunkle Augen; sie grinste nicht mehr, hatte etwas eher Spöttisches im Gesicht, als Zusammenspiel von Stirn, Augenbrauen und Mund.

  „Was war denn da?“ fragte sie.

  „Es ist wohl einer bei Rot gefahren. Es darf aber immer nur einer in einer Richtung.“

  „Ach so, naja.“

  Es klang so, als wolle sie sagen: Gibt Schlimmeres.

  „Gibt Schlimmeres“, sagte ich. Die Streitenden auf der Brücke hatten sich bereits voneinander entfernt.

  Anstatt zu antworten, fummelte sie eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche ihrer Bluse, zog sich eine raus und hielt mir die Schachtel hin. Rothändle ohne Filter.

  „Auch eine?“

  „Nein, danke, rauche nicht mehr. Aber Feuer kann ich Ihnen geben.“

  „Besser, man hat das immer dabei, was?“

  Ich blickte sie an, und es sah vielleicht irgendwie ironisch aus, jedenfalls lächelte sie genau so zurück. Ich ließ mein Feuerzeug aufschnappen, und sie machte nicht den Fehler, meine Hand zu berühren oder zu halten, während sie die Zigarette anzündete, sondern blieb wie selbstverständlich auf Abstand. Hätte sie die Haare lang getragen, wären sie über meinen Arm gestrichen, so aber blieb sie vorerst ein Wesen, daß sich leicht entfernt von mir im Raum bewegte.

  Wir saßen eine Weile so da; ich blickte ins Wasser, vermutlich tat sie das Gleiche. 

  „Es ist komisch“ sagte sie.

  „Komisch? Was?“

  „Ich glaube, wir kennen uns schon.“ Sie blickte jetzt sehr neutral, aber die Stirn kraus.

  „Kann natürlich sein, aber ich weiß nicht, mir fällt nichts ein. Kommen Sie von hier?“

  „Nein, aber ich war früher häufiger in Verden, vor langem, in den siebziger Jahren. Ich hatte einen Freund hier, Klaus. Heißt Du nicht Rainer?“ Jetzt schien das Wasser im Fluß irgendwie schneller zu strömen, ein Gefühl breitete sich in mir aus, vom unteren Rücken aufsteigend in Richtung Herz.

  „Stimmt. Aber was für ein Klaus?“

  „Klaus Wunder. Du warst mit seinem Bruder enger befreundet, Horst.“

  „Stimmt auch.  Wir gehörten alle zu der Clique um Uli, Schorse, Plumps, und trafen uns immer oben unterm Dach in Horsts Zimmer. Jetzt erinnere ich mich an Dich. Du warst ein paar Mal dabei, mit Klaus, wenn er aus Göttingen zu Besuch war.“

  „Ja, Ihr wart auch häufig in Rotenburg, in einer Diskothek.“

  „Club Europa.“

  „Genau.“

  „Das ist ja irre, Dich hier zu treffen. Hier saß damals täglich von Frühling bis Herbst die ganze Verdener Kifferszene am Ufer. Aber – ich weiß überhaupt nicht mehr, wie Du heißt.“

  „Inge.“

  „Inge. Total vergessen. Das ist aber auch ewig her. Und damals hattest Du lange Haare.“

  Sie antwortete nicht und blickte auf irgendeinen Punkt im Himmel, der nur für sie da war.

  „Damals bei Euch ging es fast immer und hauptsächlich um Stoff“, sagte sie.

  „Ja, stimmt. Vorher waren wir alle ziemlich politisch gewesen. Die NPD kandidierte 1969 zur Bundestagswahl. Es gab einen Polizisten hier in Verden, der war dabei. Sein Sohn war eine Zeitlang mit mir in eine Klasse gegangen am Domgymnasium. Die Nazis hielten Wahlveranstaltungen ab im Hotel Höltje, die versuchten wir zu stören, mit mehr oder weniger Erfolg. Übrigens fanden dort auch immer die Tanzstunden für die Gymnasiasten statt.“

  „Klaus hat mir von alldem erzählt. Da studierte er aber schon in Göttingen.“

  „Und zu dieser Zeit, eigentlich schon etwas vorher, ging es los mit dem Stoff. Das Politische kippte irgendwie um in diese Shit- und Tripsache. Irgendwann ging es nur noch darum, wer was hat oder von wo was kriegt oder wer was von wo holen fährt. Einige in der Clique fingen dann auch noch mit Trips an. Ich ging dann nach Göttingen zum Studieren.“

  „Da sind wir uns dann wieder begegnet.“

  „Stimmt. Da bin ich dann in das Zimmer gezogen, was Klaus bis dahin bewohnt hatte. Und da habt Ihr mich dann mal besucht. Das Zimmer lag ebenerdig, direkt zur Straße. Der Vermieter war ein Leichenbestatter, das Beerdigungsinstitut war hinten im Haus. Weißt Du das noch?“

  Sie antwortete nicht, nickte leicht, und zog wieder eine Zigarette hervor. Ich kam nicht dazu, ihr Feuer zu geben, denn sie hatte plötzlich eine Streichholzschachtel in der Hand. Im Nu flammte das Hölzchen auf.

  „Warum bist Du eigentlich nach Göttingen gegangen?“ fragte sie.

  „Eigentlich hing es zunächst mit meinem Vater zusammen. Er hatte da studiert, in den dreißiger Jahren, war in einer Burschenschaft, Frisia hieß die, eine schlagende Verbindung, die gibt es immer noch. Er hatte dann den Status eines Alten Herrn, war immer in Kontakt zu der Burschenschaft geblieben. Nachdem ich 1969 Abitur gemacht hatte, entstand natürlich die Frage, wie es mit mir weitergehen sollte. Daß ich studieren würde, stand außer Frage. Mein Vater hatte die Idee, ich könnte mal ein paar Wochen in dem Haus der Burschenschaft wohnen, um mir alles anzusehen, die Stadt, die Universität. Insgeheim hoffte er wohl, ich würde Mitglied bei den Göttinger „Friesen“ werden. Ich wohnte zwei Wochen in deren Burschenschafterhaus, kehrte nach Verden zurück. Diese Burschenschaft war nicht meine Welt. Ich beschloß aber, Geschichte und Englisch zu studieren, mit dem Ziel, Lehrer zu werden wie mein Vater. Kann auch sein, daß Klaus mir Göttingen nahebrachte. Ich zog dann in sein Zimmer, das er loswerden wollte; ich denke, das war im Oktober des Jahres. Vielleicht habe ich Dir das damals alles schon mal erzählt.“

  „Das weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber an unseren Besuch bei Dir in dem Zimmer.“

  „Das muß etwa im November gewesen sein.“

  „Kann sein, das ist aber unwichtig.“ Sie drehte den Kopf  zu mir und blickte mich an. „Dir ging es an dem Abend nicht gut.“

  „Ja, stimmt. Das vergesse ich auch nicht.“

  „Wie war das denn noch?“

  „Klaus und Du kamen irgendwann. Er kannte dieses Zimmer ja in und auswendig, du wahrscheinlich auch, und Ihr setztet Euch gleich zusammen auf die Schlafcouch. Draußen war es schon dunkel. Wir tranken – glaube ich – Tee, und ich hatte einen Kuchen, den mir meine Mutter geschickt hatte, so eine Art Sandkuchen mit Rosinen drin und Sultaninen.“

  „Das weißt Du ja noch ziemlich genau, Rainer.“

  „Ja, aber vorher gab es Shit. Klaus hatte ein ziemlich starkes Zeug dabei, Afghane wahrscheinlich. Das Zeug knallte richtig rein. Wir redeten über alles Mögliche. Allmählich geriet ich in einen Rausch. Mir ging `s wahnsinnig gut. Du weißt ja, wie man dann Hunger bekommt, richtigen Heißhunger; wir brachen den Kuchen an. Ich schnitt ihn mit einem Brotmesser auf. Ich sehe den Kuchen da noch vor mir liegen auf dem niedrigen Sofatisch, das Messer daneben. Es schmeckte wunderbar, und in mir und vor mir sah ich sprühende Lichtpunkte in allen Farben wie bei einem Feuerwerk. Ich dachte an den bremer Freimarkt, an rasende Karussels, deren Lämpchen sich im Kreise drehten. Wahrscheinlich hörten wir irgendwelche Musik, vielleicht Pink Floyd, ich weiß nicht mehr. Wir sprachen dann kaum noch zu dritt miteinander; ihr lagt umarmt auf dem Sofa und unterhieltet Euch leise. Du fragtest Klaus irgendwas, und er antwortete laut und schroff: ‚Nix, kommt nicht in Frage.‘ Ich wußte nicht, worum es ging, hatte aber das Gefühl, daß Ihr Euch über mich unterhieltet. Und dann kam das Messer ins Spiel. Es lag vor mir neben dem Kuchen auf dem Tisch. Und ich vermeinte aus Eurem anschließenden Geflüster etwas Bedrohliches herauszuhören. Ihr wolltet mich umbringen. Ich war mir ziemlich sicher.“

  „Das ist ja verrückt. Wie kamst Du denn darauf? Das hast Du mir später nicht erzählt.“

  „Nein. Das war ja auch eine irre Phantasie. Jedenfalls bin ich dann zum Fenster gegangen; draußen wurde es schon hell. Oder nein: es war wohl noch dunkel, aber als ich zurückkam, war es hell… Jedenfalls habe ich das Fenster aufgemacht, bin über die Fensterbank gestiegen, auf den Gehweg gesprungen – er war ja nicht tief unten, sondern praktisch auf der Höhe des Fußbodens im Zimmer – und dann bin ich losmarschiert, bin vor denen die mich ermorden wollten, geflohen.“

  Sie schüttelte den Kopf. Dann blickte sie mich mit etwas zweifelndem Blick wieder an. „Muß an dem Shit gelegen haben. Oder hattest Du vorher schon mal so eine Phantasie? Oder später?“

  „Nein.“

  „Ich erinnere mich, daß Du plötzlich verschwunden warst. Klaus und ich sind dann irgendwann gegangen.“

  „Ich muß stundenlang rumgelaufen sein. Ich weiß noch, daß ich durch Parks ging und über eine Art Wallanlage. Als ich durchs Fenster zurückkletterte, war es jedenfalls hell. Ihr wart weg. Du kamst dann nach ungefähr einer Woche mich besuchen. Ich glaube, ich hatte Klaus schon irgendwann getroffen, aber jetzt kamst Du allein.“

  „Ja, und? Was meintest Du, warum?“

  „Ich glaube, Du hattest irgendwas vergessen in der Nacht, irgendeinen Gegenstand. Den wolltest Du holen. Angeblich.“

  Inge lachte zum ersten Mal seit wir uns jetzt wiedergetroffen hatten. „Du hast nichts kapiert, oder?“

  „Ich sehe Dich noch vor mir, wie Du kamst, wirktest ein bißchen geheimnisvoll. Hast mich allerlei gefragt, fürsorglich. Ich war einfach ein bißchen blöd, und grundsätzlich schüchtern. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß Du schöne Frau wegen mir kamst und nicht wegen irgendwas Vergessenem, das Du vielleicht  absichtlich liegen gelassen hattest. Naja, so war ich eben.“

  „Wie ging es denn mit Dir weiter? Du bist doch zurück nach Verden gegangen?“

  „Ja. Ich hab die ganze Situation nicht bewältigt, konnte in Göttingen nicht Fuß fassen. Tollerweise haben wir an der Uni gestreikt, wegen irgendwas ganz Grundsätzlichem. Das Semester war verloren. Mit dem Studium lief es also nicht, und Freunde hatte ich nicht, die waren in Verden. Eine Freundin hatte ich schon gar nicht. Ich ging dann im Januar zurück nach Verden.“

  „Zu Mutti.“

  „Ja, Scheiße, das ist eigentlich peinlich, aber so war es. Und ich hatte dann in Verden noch so einen Horrortrip auf schwarzem Afghanen, dann hab ich mit dem Shit ganz aufgehört. Ich hing fast nur noch so rum, ganz viel hier unten an der Aller. Meinen Eltern wurde das alles irgendwann zu bunt. Mein Vater hat mich quasi bei einem Buchhändler in der Stadt zur Lehre angemeldet. Das war gut, danach ging es bergauf. Was ist aus Dir geworden?“

  „Ich hab ja immer gearbeitet, nicht studiert. Hatte also mein Geld. Von Klaus hab ich mich irgendwann getrennt.“

..“Das hab ich damals noch mitbekommen. Und was machst Du jetzt hier in Verden, Inge?“

  „Hab eine alte Freundin besucht. Es ist auch schön, das alles hier wiederzusehen, die Altstadt, die Aller… Und Du?“

  „So ähnlich. Ab und zu muß ich mal wieder hier sein. Auch einfach wegen der Aller.“

  Inge schweigt eine Zeitlang, blickt auf die gekräuselte Wasserfläche. Ich sehe wieder einen Ast vorüberschwimmen, er dreht sich leicht in einem Strudel.

  „Rauchst Du denn gar nicht mehr, Rainer?“

  „Hab ich doch gesagt.“

  „Naja, ich meine Shit. Hast Du es nie wieder versucht?“

  „Doch, ja, viel später. Mir ist klar geworden, daß meine Horrortrips mit meiner beschissenen Lage damals zu tun hatten, mit dem Alleinsein. Später, viel später lernte ich eine Frau kennen, mit der ich lernte, damit umzugehen. Es kommt auf die Dosis an, und ob man sich gut fühlt, geborgen. Mit ihr war das so.“

  „Sag mal...“

  „Ja?“

    Auf Inges Gesicht trat ein neuer, sanft-interessierter Ausdruck.  „Wollen wir nicht… Ich hab was da, bei mir.“

  „Wo wohnst Du denn. Bei deiner Freundin?“

  „Nein. Im Hotel, bei Höltje. Du kannst doch mitkommen, wenn Du willst.“

  „Bei Höltje wohnst Du… okay…“

  Wir sahen uns an. Ich sah die Frau, die mich zusammen mit Klaus ermorden wollte. Sie lächelte, dann lachte sie. Und ich weiß nicht, was mein Gesicht machte, es war wohl etwas zwischen Lächeln und Verwunderung.

  Jedenfalls gingen wir dann zum Hotel Höltje.

 

 

 

Der Plan

 

I.

 

  Letzten Monat habe ich einen Mann kennengelernt, Torf. Wer weiß, was daraus wird. Es könnte aber was daraus werden.

  Ich war zu einem Treffen gegangen in einer Kneipe, angekündigt in einem Szeneblatt als „Schriftstellerstammtisch“. Ein neuer Versuch, hieß es. Also hatte es schon einen oder mehrere Versuche gegeben. Etwas neugierig zu erfahren, was dort versucht werden würde, ging ich also hin. Es konnte ja nicht schaden.

 

II.

 

  Die Leute da schienen sich fast alle schon zu kennen ohne zu sagen woher. Das würde sich sicher noch alles herausstellen. Ich kannte niemanden und war die einzige Frau. So wurde ich wohl doppelt interessant.

  In der männlichen Selbstdarstellergalerie wurde nun allerlei ausgestellt: wer schon überall was veröffentlicht hatte, in Anthologien, Zeitschriften, im Selbstverlag, neuerdings vermehrt online in allerlei Blogs und Foren. Wahrscheinlich glaubten sie, ich sei ganz neu in der Branche und hätte Angst zuzugeben, daß ich zwar schriebe, aber ohne jemals etwas veröffentlicht zu haben. Also fragten sie nicht.

  Einer unter ihnen war still. Er trank von seinem Bier und kritzelte zwischendurch in einem Notizbuch. Er sagte, er hieße Torf. Wir beide blieben als letzte übrig in der Runde. Nachdem die Kneipe geschlossen hatte, brachte er mich zum Bus.

 

III.

 

  Wir haben uns nach ein paar Tagen wieder getroffen, in einem Café, verabredet per e-mail. Er erzählte sehr viel über sich, wie Männer das tun zu Anfang. Später werden sie meistens verschlossener, müssen sich wieder schützen. Er sagte, er schriebe an mehreren Texten gleichzeitig. Davor habe er eine lange Blockade gehabt, warum, wisse er nicht. Das sei rätselhaft.

  Woran ich schrieb, sagte ich ihm besser nicht. Bis heute habe ich ihm auch weder meine Adresse noch Telefonnummer gesagt. Er meint, das sei auch nicht so wichtig. Ich weiß von ihm fast alles. Vorgestern sagte er, er würde täglich über den Tod nachdenken. Vor allem über seinen eigenen. Aber darüber schreiben könne er nicht. 

 

IV.

 

  Torf glaubt, daß ich verheiratet bin. Mein Mann sei grundsätzlich eifersüchtig und würde bald etwas herausfinden, wenn wir nicht vorsichtig wären. Torf glaubt mir anscheinend alles. Er ist sicher verliebt. Das ist ein schönes Gefühl. Es gibt mir eine Art Sicherheit bei dem was ich tue und von dem er nichts weiß.

 

V.

 

  Der Verleger sagt, er habe sich nicht in mir getäuscht. Eine Reihe von Berufsjahren im Journalismus sei immer eine gute Basis für einen Ghostwriter. Der bisher vorliegende Text wirke schon sehr authentisch, wie von Blender selbst verfaßt. Sehr kompakt, sehr professionell. Der Spitzname „Blender“ war dem Verleger vor zwei Jahren gleich während unseres ersten Gesprächs eingefallen, als es darum ging, ob ich die Richtige sei, die Autobiographie des Außenministers zu schreiben.

 

VI.

 

  Heute hat Torf mir Genaueres über seine Todesphantasien erzählt. Das Ganze habe sich nach und nach immer mehr in sein Leben geschlichen.

  Als Kind habe er den Tod zunächst in Erzählungen über das Sterben anderer wahrgenommen: Großeltern, die er nie kennengelernt habe, ein Onkel, der im Krieg gefallen war. Nach Überwinden religiöser Vorstellungen von ewigem Leben habe er geglaubt, er werde nach seinem Tod durch das was er im Leben geleistet habe und in Erinnerungen anderer gewissermaßen weiterleben. Als Erwachsener habe er über all dies zunächst wenig nachgedacht, weil noch viel Lebenszeit vor ihm gelegen habe. Wenn schon, habe er eher Angst vor dem Sterben als vor dem Tod gehabt. Jetzt habe sich dies umgekehrt: wer unter Schmerzen stirbt, erlebt es ja noch; aber danach sei alles auf immer vorbei – eine schreckliche Vorstellung.

  Zu seinem siebzigsten Geburtstag habe er von seinen Töchtern ein Originalexemplar einer Zeitung erhalten, die am Tage seiner Geburt in seiner Geburtsstadt erschienen sei. Darin gelesen habe er noch nicht. 

 

 

VII.

 

Torf ist verheiratet und lebt mit seiner Ehefrau. Zum Glück sind seine Kinder erwachsen und leben woanders. So besteht kaum Gefahr, eine junge Familie zu zerstören. Das ist immer das Schlimmste.

  Ich weiß nicht, von wem es ausgeht, von ihm, von mir… Dreißig Jahre jünger zu sein, ist… komisch? merkwürdig? eigenartig? bedenklich? beängstigend? verstörend? oder: entlastend, weil es ja sowieso kaum eine Zukunft hat? oder eine kurz andauernde?

  Jedenfalls… ist da jetzt etwas…Aber ich will das L-Wort nicht benutzen. Es paßt vielleicht eher in die Autobiographie eines Ministers, der seine große Aufgabe liebt.

 

VIII.

 

  Vor zwei Wochen war ich bei einer ärztlichen Routineuntersuchung. Ich hatte zuvor schon Schmerzen verspürt im Bauch und Rücken, es aber versucht zu ignorieren. Der Arzt überwies mich an einen Spezialisten; er stellte ein Karzinom fest. Es hat schon gestreut. Es ist eine Krebsart, die sehr schnell voranschreitet. Der Spezialist gibt mir noch etwa ein halbes Jahr. Es sei aussichtlos. Ich habe Torf nichts davon erzählt und werde es weiterhin so halten.

  Das Manuskript werde ich fertigstellen können. Die Interviews mit dem Blender liegen vor, weitere Recherchen sind nicht nötig. Torf wird später beeindruckt sein, wenn er meinen Namen auf dem Titelblatt liest, als Co-Autorin. Irgendwer wird ihm sagen, daß der Blender überhaupt nichts geschrieben hat, sondern alles von mir stammt.

  Aber dann werde ich nicht mehr leben.

 

IX.

 

  Torf und ich haben uns getroffen und sind mit seinem Wagen aus der Stadt hinaus in die Landschaft gefahren. Es war schon etwas herbstlich, die Sonne stand nicht mehr so hoch, aber es war warm.

  Wir lagen eng zusammen im hohen Gras über der Kanalböschung und ließen die Schiffe vorüberziehen. Er hat wieder von seiner Todesangst angefangen. Daß er zuweilen nachts aufwacht und sich vorstellt, was wäre wenn er nicht mehr vorhanden sei auf immer und ewig; das könne eigentlich nicht sein, dieses für immer vorbei. Daß es aber keinen Ausweg daraus gebe, denn die religiösen Lösungen seien Selbstbetrug aus Furcht vor diesem Nichts. Ihm täten die Menschen leid, die die Wahrheit nicht ertragen könnten. Andererseits seien sie vielleicht weniger beunruhigt als er, hätten eine Lösung gefunden, die ihnen Trost biete.

  Ich habe mir das zum wiederholten Mal alles angehört. Mir fällt dazu nichts ein. Vielleicht hilft es ihm ein wenig, wenn ihm irgendwer einfach zuhört. Er sagt, mit seiner Frau könne er darüber nicht sprechen.

  Ich muß aufpassen, daß er mich nicht beim Einnehmen der Medikamente erwischt. Es sind sechs verschiedene Tabletten, die ich dreimal am Tag schlucke.

 

X.

 

  Ich werde mit Torf schlafen. Er ahnt es sicher schon, denn er weiß, daß wir Frauen diese Entscheidung treffen, auch wenn Männern es anders erscheint. So klug ist er schon. Er weiß auch, daß er nicht diese Art von Frauentyp ist, die sich alles erlauben kann. Das schätze ich an ihm. Er weiß sehr viel über sich.

  Es wird in einem Hotel sein, denke ich. Ein ganzes Wochenende lang. Es wird sehr schön sein. Ich schicke ihm eine mail mit allen Informationen. Seiner Frau wird er irgendeine Geschichte erfinden, ein Schriftstellertreffen in irgendeiner Großstadt oder ähnliches.

  Und danach werde ich ihn nicht mehr sehen.

  Ich werde alles zuende bringen.

  Ich könnte ihm noch einen Brief schreiben und ihn bitten, alles aus seiner Sicht aufzuschreiben. So würde ich sozusagen weiterleben, oder wir würden weiterleben. Es liegt dann alles in seiner Hand.

 

  

 

 

Aufschub

 

Meine vorläufigen Tode

Schwarze Larven

Entpuppen sich

Zu Schmetterlingen

 

Jedesmal

Fliegt mein Leben froh

Wieder davon

 

 

 

Sønderho I

 

Es wäre so

Wie Wolken weiß

Im Himmelblau

Vorüberziehn

 

Der Wind durch Dunkelgrün

Von Bäumen Büschen tobt

Und Sonne heiß

Auf meine Stirn

Herunter brennt

 

Nichts sonst -

Dann könnt' ich

Gehn

 

 

 

Sønderho II

 

Decksbalkenschielen

Unter altem Reetdach

Kleine Menschen

Lebten hier früher

Ich setze mir

Einen Hut auf im Haus

Als Schutz

Und alles riecht noch

Nach Kuhstall

 

Draußen an den Fahnenmasten

Weht nirgends eine Flagge der Deutschen

Dahinter am Strand versinken noch

Ihre Bunker

 

 

 

Sønderho III

 

Oben im Blau

Fremde Insel

Mehrere Kontinente

Clownsgesicht

Schneelandschaft

Irrwisch mit Häkchen

Einhornherde

Korallenturm

Jedes sieht anders aus

Und sind alle gleich

Wolken

 

 

 

Der Hahn Erdogan

 

Ostfriesen lebten einst gefährlich

Als Witzfiguren unentbehrlich

Ein Menschenschlag den jeder kennt

Und alles ohne Präsident

 

Sie hatten keinen Erdogan

Der ihnen gern als Gockelhahn

Von morgens früh bis abends spät

Das Lied von Deich und Watt gekräht

 

Und hätte ihnen alle Zoten

Und Lachen über ihn verboten...

Den hätten sie gewiß verachtet

Und eines Abends still geschlachtet

 

Und rasch verspeist. Jedoch ich frage:

Wär' dies die Lösung heutzutage?

Die Menschheit könnte sich besessen

An Diktatoren überfressen

 

 

 

 

das gerücht

 

es ist was passiert

nicht hier

woanders

zum glück

sonst wäre es schlimm

sehr schlimm

so aber auch

ist es schlimm genug

 

das stimmt gar nicht

sagt jemand naja

es hätte aber

passieren können

auf jeden fall

bei diesen leuten

es sind einfach zu viele

da muß was passieren

 

sie hätten es getan

bestimmt

allein die möglichkeit

das reicht schon

es wäre sowieso passiert

früher oder später

wem das nicht reicht

hat selber schuld

 

 

 

 

 

 

Kongreß der Fluchtursachen

 

 

Meine Damen und Herren,

 

  setzen Sie sich. Ah - ich sehe, Sie sitzen schon. Herzlich willkommen!

 

  Ich bitte um Ruhe. Wir sind doch hier nicht im Erstaufnahmelager. Jeder kommt zu seinem Recht. Also bitte beruhigen Sie sich. Danke.

 

  Es ist wundervoll, daß so viele gekommen sind. Bis vor kurzem hat es gar nicht danach ausgesehen. Man war verzagt und lustlos, schämte oder fürchtete sich gar. Aber warum denn? Haben wir dies nötig? So rufe ich es heute laut aus, damit alle in diesem Land es hören können: Herzlich willkommen zum ersten bundesweiten Kongreß der Fluchtursachen!

 

  Daß wir uns öffentlich treffen und unsere Interessen formulieren und vertreten wollen, lag in der Luft. Wer wöchentlich, ja täglich hören muß, daß man ihn bekämpfen will, der darf wohl auch einmal etwas dagegen sagen. Frau Merkel, hier sind wir, von denen sie ständig reden, wir sind stolz auf uns als Ursache, und lassen uns folglich aus diesem Land nicht vertreiben. Wohin sollen wir denn gehen? Danke, danke für den herzhaften Beifall.

 

  Daß wir uns nun organisieren, ist auch eine Frage des Gemeinwohls. Wenn jeder das sagt, was man ja wohl einmal sagen darf, ist damit allen gedient. Wir wollen hier nicht von Einzelinteressen reden, wir blicken auf das Große und Ganze, auf das große "wir", denn Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Wie bitte, was rufen Sie da? Das stehe so auch im Programm der NSDAP von 1920? Wer sind sie denn? Haben Sie sich bei der Mandatsprüfungskommission als Fluchtursache überhaupt angemeldet? Nun - wir werden das prüfen. Bleiben Sie vorerst sitzen. Sie erfahren bald, ob wir Sie als Kongreßteilnehmer anerkennen können. Wie bitte? Danke - keine Ursache. Wir schaffen das.

 

  „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger", so soll einmal unser unvergessener Bundespräsident Heinrich Lübke bei einem Staatsbesuch 1962 in Liberia eine Rede begonnen haben. Was immer auch daran gewesen ist, ich scheue mich nicht, Ihnen zuzurufen: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Ursachen!" Und somit komme ich zur Begrüßung einiger besonders liebenswerter Gäste.

 

  Ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter der Firmen Diehl Defence, Airbus Group, Kraus-Maffei Wegmann, Heckler & Koch, Rheinmetall, Thyssen-Krupp, Tognum AG, Männer und Frauen aus den Firmenleitungen, Aufsichtsräten, Betriebsräten, die beispielhaft und in echtem Gemeinsinn dafür sorgen, daß deutsche Rüstungsgüter in alle Welt verbracht werden und dort dafür sorgen, daß diese Welt von Tag zu Tag mehr zusammenwächst. Ein herzliches Willkommen auch an den hier unten in der ersten Reihe sitzenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik, die sich seit vielen Jahren ganz selbstlos als gemeinnütziger Verein für die staatliche Sicherheitsvorsorge Deutschlands engagiert. Ich sehe noch viele andere hier im Saal versammelt, die sich um diese schöne Gemeinschaftsaufgabe kümmern und kann sie gar nicht alle nennen. Schön, daß Sie da sind! Nicht alle Fluchtursachen sind so klar zu erkennen, Ihnen sieht man es wahrlich an!

 

  Wen soll ich alles nennen, wen ausdrücklich begrüßen? Wir kennen uns doch alle und arbeiten vielerorts und mannigfaltig zusammen. Ich sehe etwa dort in der zweiten Reihe von vorn einige bekannte Gesichter aus der Lebensmittelindustrie, Persönlichkeiten, die mit einem Gefühl echter Fürsorge für die Ärmsten dieser Welt all das was hier in diesem unserem satten Lande nicht verwertet werden kann, zu günstigen Preisen in die Entwicklungsländer des Südens bringen, um dort den alltäglichen Hunger zu bekämpfen. Daß dabei einige vorsintflutliche Landwirtschaftsbetriebe vor Ort weichen müssen, dürfte jedem einsichtig sein. Keine Ursache ohne Wirkung. Es ist genug für alle da. Kein Fortschritt ohne Folgen. Seien Sie willkommen!

 

  Und dann auch alle andern, Verbraucherinnen und Verbraucher, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Aktionärinnen und Aktionäre, überhaupt alle, die von der starken Stellung Deutschlands als Exportweltmeister profitieren, eine Stellung, die es nun einmal erfordert, daß wir unsere Interessen weltweit mit vielerlei Mitteln vertreten und den einen oder die andere infolgedessen dazu bringen müssen, uns nun aufzusuchen, um einen scheuen Blick auf all das zu werfen, was fleißige Hände hierzulande erwarben. Viele von denen, die nun zu uns kommen, werden schon bald, ich hoffe: möglichst bald sich selbst in der einen oder anderen Weise im Kreise der Fluchtursachen wieder finden. Helfen wir ihnen dabei. Es wird zu unser aller Besten sein.

 

  Und nun: Feuer frei! Sie haben das Wort....

 

 

 

 

 

die scham

 

 früher wenigstens trennten uns mauern.

 die mauern waren hoch und häßlich, man wußte genau was sich dahinter befand. dieses wissen bot sicherheit. man mußte nicht einmal seinen augen trauen.

 wir besaßen wenig, aber wir besaßen unsere mauern.

 gelangte jemand aus irgendeinem grund hinter so eine mauer, sei es von der einen, sei es von der anderen seite, konnte er sich nur wundern, wie wenig die anderen dort drüben über sich, dafür umso mehr über ihren gast und dessen welt wußten. die gastgeber glaubten zu wissen, wußten aber nichts über ihren glauben, diese narren.

 der besucher fühlte sich unwohl und doch wohl unter ihnen, war er doch so viel besser informiert über sie als sie über sich und so viel besser über sich als sie über ihn. also versuchte er zu helfen, behutsam aufzuklären, ein wenig licht ins dunkel zu bringen, doch diese verblendeten ließen es nicht zu, waren unbelehrbar. auch mußte der besucher bald zurück, dorthin, wo er hingehörte, an den ort seines wissens.

 er kehrte heim mit einem gefühl der scham, wußte jedoch nicht vor wem und wessen er sich schämte. nach einigen tagen war dann die scham verschwunden.

 heute besitzen wir nicht einmal mehr mauern, unser wissen ist grenzenlos, schamlos, und unseren augen trauen wir alles zu.

 

 

 

 

Tektonik mit Dreizehn

 

Dicke gelbe Lava

Quillt aus furunkulösen

Kraterbergen jugendlicher Haut.

Pustelige Gipfel des

Körpereigenen Vulkanbezirks

Ragen auf in der unruhigen Region von

Unterarmen und Handoberflächen.

Warum will das Innere

Dort nur hinaus?

 

Abends heilt der Vater

Sorgender Erdgott

Mit Binden und Salben

Die Grabenbrüche des

Pubertierenden Sohnes.

Etwas in ihm

Hat bisher geschlafen

Unter allem Sichtbaren

Denkbaren

Im staunenden Ekel vor dieser eiternden Tiefe

Fühlen Vater und Sohn sich

Vorläufig vereint.

 

 

 

 

Verden I

 

Heimat ist

Wo an einem grauen Sonntagmorgen

In einer Windmühlenstraße um 7 Uhr 15

Schon eine Bäckerei mit Klo auf hat

Wo ich meine übel drängende Morgenwurst

Lassen kann

Scheiß Heimat: Im Bahnhof

Waren beide Klos KAPUTT

 

 

 

Verden II (Weigerung)

 

Hier

In dieser Buchhandlung

Habe ich GELERNT

1971 bis 1973 das

Ist nun ein Laden für Tüdellüt

Das kann nicht sein

Das Fischgeschäft Bremer

Geschlossen

Butter-Eiche verschwunden

Café Engelhardt frei zum Abriß

Meine Schule steht noch

Behaupte ich

Lieber bin ich nicht hingegangen

Nein - das kommt nicht in Frage

An all das Neue

Werde ich mich

Nicht erinnern

 

 

 

Verden III

 

Glaubst Du

Irgendwer wird sich an Dich

Erinnern glaubst Du

Irgendwas wird Dir noch

Gefallen

Glaubst Du

Irgendwer wohnt hier noch und

Sei es woanders

Am Stintfang

In der Lindhooper

Straße am Meldauer Berg

In Eitze Hönisch

Vergiß es ach vergiß die

Verpisste Stadt Deiner Jugend

Mit all den alten Nazis

Alten Bäumen am

Wall jetzt abgeholzt

CDU Bürgermeister SPD

Bürgermeister je nach

Wetterlage eingeregnet

Oder Sonnenschein

Bloß die Aller strömt und strudelt

Wie zu Eberhard von

Holles Zeiten und hier

Am Ufer neben der Brücke

Haben wir 1970

Unsere Joints geraucht

Die haben mich

Zu dem gemacht

Was bleibt

 

 

 

 

Kabeljo

 

 Jo Kabel hatte in seinem Leben bisher eine Million, achthundertneunundsechszigtausend und vierhundertundsiebenunddreißig Worte gesprochen. Dann verstummte er für immer. Er war neununddreißig Jahre alt und sprach nie wieder ein Wort.

 Nicht daß er sich dies in irgendeiner Weise vorgenommen hätte. Es geschah, und es geschah auf eine überraschende Weise als Jo wie gereimt auf dem Klo saß. Er hatte sich erleichtert, hatte - wie seine Mutter es immer nannte - Groß gemacht, griff zur Klorolle. In diesem Moment hätte er noch sprechen können. Zu spät: Er entrollte drei Blatt Papier, riß ab, faltete sie übereinander, fuhr damit hinter sich, wischte ab, zog die Hand wieder hervor, betrachtete die abgewischte Frucht seines Darms und bekam Lust sie abzulecken.

 Er leckte sie ab, schluckte sie runter.

 Und von diesem Moment an gab es für Jo keinen Grund mehr zu sprechen. Es war einfach nicht mehr nötig. Er begriff, daß alles bisher Geredete nur überflüssig wie verschwendete Spucke gewesen war, an und für sich nichts mit ihm zu tun gehabt hatte. Dieses Lecken hatte ihn von der Wurzel her verwandelt.

 Er lebte fortan nur durch seine Zunge.

 

 Jo erleckte zunächst sich selbst. Es gelang ihm, eine stets wachsende Fläche seines Körpers neu zu entdecken. Als er die Grenze des mit der Zungenspitze irgendwie noch Berührbaren erreicht hatte, begann er seine Umgebung zu bezüngeln: Fußböden, Gehsteige, Straßenpflaster, Treppen, alles Begehbare wurde auch beleckt, bis in feinste Ritzen und Ecken. Es folgten Vertikalen: Wände, Bäume, Laternenmasten...

 Infolge des leckenden Lebenswandels vergrößerte sich Jos Zunge zusehends. Allmählich begann sie ihm aus dem Mund herauszuhängen, zunächst für ein bis zwei Zentimeter über die Unterlippe, dann bis zur Kinnspitze hinab, so daß er mit der Zungenspitze in der anderen Richtung bis zur Nasenwurzel, bald bis an die Augenbrauen gelangen konnte. Selbst wenn er es gewollt hätte, nun konnte er nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Die Zunge nahm die tiefrote Farbe eines Hahnenkammes an, mit einem Geflecht blaugrün schillernder Adern an ihrer Unterseite. Es war nur eine Frage der Zeit, daß diese anatomische Besonderheit mit ihren phantastischen Möglichkeiten dem anderen Geschlecht auffallen mußte, an das Jo früher nur eine Unzahl an Worten vergeudet hatte.

 Als erstes verliebte sich eine Yvonne in Jo. Sie sah ihn auf der Straße sich im Ohr lecken, schon war es um Yvonne geschehen. Sie folgte ihm, ihre Blicke trafen sich, man ging in ein Cafe, er nahm sie mit nach Haus, das Übliche. Aber was dann kam, war ganz und gar nicht üblich. Was andere Männer mit der Zunge vermochten, konnte Jo zehnmal besser, größer, länger. Er konnte mit seiner Zunge tief in Yvonne eindringen. Ohne die übliche Zeitverzögerung ließ Jo sein Organ rein gedanklich gesteuert zu praller Größe wachsen. Und sein traditionelles Liebeswerkzeug war als nette harte Abwechslung zusätzlich da. Jo, ein Stecher mit zwei Zinken, die sich wundervoll ergänzten: Yvonne war restlos begeistert. So weinte sie bittere Tränen, als Jo ihr eines Tages wortlos, allein durch Absenken seiner Zunge zu verstehen gab, daß „Schluß“ sei. Denn es gab bereits eine Christine.

 Rasch sprachen sich seine Fähigkeiten in der Stadt herum. Auf Christine folgten Gaby, Scheila, Susanne, Rosy, Aysche, Frauen und immer mehr Frauen, die sich nach Jos Zunge verzehrten. Als besonders angenehm empfanden sie alle es, daß Jo keine überflüssigen Worte machte, mit gezäumter Zunge sofort zur Sache kam.

 Das war eine anstrengende Zeit für Jo. Man verpaßte ihm als Spitznamen das Anagramm Kabeljo, was zugleich an einen Kabeljau erinnerte. Immer ging von Jo’s Gesicht ein durchdringender Fischgeruch aus, den er selbst gar nicht wahrnahm.

 

 Allmählich wurde Jo zu einem Ärgernis, ja man begann ihn zu hassen. Pastoren warnten vor ihm von der Kanzel, besonders an Pfingsten, wenn andere in Zungen redeten, Jo aber stumm sein gottloses Unwesen trieb. Kein Mann konnte sicher sein, daß seine Frau oder Freundin, Schwester oder Mutter nicht gerade beim Kabeljo war. Nachdem die Geliebte eines hohen Staatsbeamten Jo zur Teatime gebeten hatte, dies jedoch jenem zu Ohren kam, wurde Kabeljo unter dem Vorwurf, sein Kopf besitze einen krankhaften Auswuchs, der von ganz tief innen komme, in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Dort diagnostizierte man eine gefährliche Psychose, die den Patienten zu fortwährenden perversen Züngeleien zwänge. Dieser Tatbestand wurde in Form zungenbrecherischerer Fremdwortkonstruktionen in Jo’s Krankenakte eingetragen. Man verklebte das Gesicht des Psychopaten von den Nasenlöchern abwärts mit einem riesigen Pflaster und ernährte ihn künstlich über eine Kanüle.

 Eines Morgens erwachte Jo aus tiefer Narkose. Er spürte eine Veränderung: Das Pflaster war fort und ein Nasenloch juckte. Wie früher wollte er den Juckreiz mit der Zungenspitze stillen, doch gab es keine Zunge mehr. Jo stieß die Bettdecke von sich, stürzte aus dem Bett, tobte im Zimmer umher, schlug alles kurz und klein. Nach zwei Tagen in einer Gummizelle verlegte man ihn in einen abgelegenen geschlossenen Trakt der Klinik, fixiert, weggeschlossen.

 Nach einem halben Jahr, als niemand sich mehr an seinen Fall erinnern konnte oder wollte, tauschte man Jo’s Krankenakte aus. Er erhielt einen neuen Namen, hieß nun Otto Stumpf und galt fortan als schwer traumatisch gestört infolge eines unfallbedingten Verlustes der Sprechfähigkeit.

 

  Nun lebt Jo als Otto Stumpf, lebt seine lieblosen Tage, verlebt sein Leben, stumm, alles ist geregelt.

 Nur zuweilen, vor allem wenn er des morgens vergißt seine Medikamente einzunehmen, überkommen ihn schlimme Phantomschmerzen, dort wo das Gehirn seine Zunge weiß. Dann geht er aufs nächstgelegene Klo, setzt sich auf die Brille, reißt ein paar Blatt Papier ab, zerknüllt und formt sie mit einem Rest Spucke, die er noch hat, in den Händen zu einem Ball. Er schiebt die Kugel in den Mund. Und jedesmal wenn es ihm gelingt den Papierknödel zu zerkauen und hinunterzuwürgen, fühlt er sich etwas stolz. Er versucht sich vorzustellen, er sei sein eigener Magen, der genußvoll den von oben herabströmenden Papierbrei aufnimmt, aber von allem, was vorher damit geschah, nichts weiß und wissen muß. Ganz Magen hockt Otto dann auf dem Deckel, windet sich, zieht sich zusammen, bläht sich auf, verdaut sein Glück, verdaut und verdaut solange bis irgendwer an der Klotür rüttelt und Einlaß begehrt.

 Das Wort „Zunge“ hat er aus seinem Denken verbannt. So ficht es ihn nicht an, wenn Ärzte oder Pfleger gelegentlich sich scherzhaft zurufen, böse Zungen hätten wieder einmal behauptet, Stumpf mache heimlich auf dem Lokus Sprechübungen, der Idiot... Sie wissen nichts vom Leben, wissen nichts über sich, aber reden zuviel.

 

 

 

 

 

 

Hotel Höltje

 

  Zurück in Verden. Eine Seltenheit.

  Ich saß auf einer der Bänke am Allerufer schräg unter der Südbrücke und dachte nach über dieses Wort „Seltenheit“.  Es hat etwas Erhabenes, wie „Wahrheit“ oder „Hoheit“. Gegrüßt sei ihre Hoheit, die Seltenheit.

  Eine Bewegung links von mir schob sich in meine Gedanken. Jemand setzte sich auf die andere Bank. Augenwinklig saß dort ein Schemen, eine Frau. Ich sah genauer hin; sie blickte nach unten aufs Wasser. Ich sah auf die Stelle im Wasser, auf der ihr Blick ruhen mußte, erblickte einen kleinen Ast, folgte ihm nachblickend unter die Brücke, wo er verschwand. Ich wandte meinen Kopf zurück nach links; die Frau blickte jetzt hinüber zum anderen Ufer.

  Kurze schwarze Haare mit etwas Grau, Blue Jeans, helles Hemd oder Bluse? Was ist der Unterschied?  Wenn ich jetzt länger hinsähe, würde sie es sofort merken. Dann würde sie irgendwas in ihrem Gesicht rümpfen, sich nach links wenden. Oder sie blickte her zu mir, und es hülfe nichts, wenn ich so täte, als würde ich eigentlich über sie hinwegsehen hinüber zu einem fernen Punkt hinten in den Wiesen von Hönisch. Frauen wissen, daß das nur Show ist.

  Es geschah aber nichts, kein Rümpfen oder Kräuseln, kein Kopfwegdrehen, kein Herblicken. Wäre ich noch regelmäßiger Raucher, hätte ich mir jetzt eine Zigarette angezündet.

  Sind Männer so strukturiert, daß sie glauben, es müsse in so einer Situation immer irgendwas passieren? Eine Kontaktaufnahme, ausgehend natürlich von ihm? Ich blickte gerade versunken in diesen Gedanken hinüber zum Pfadfinderheim, als oben auf der Brücke ein Geschrei losging. Ein Wagen hatte auf der einspurigen Überquerung angehalten, der Fahrer war ausgestiegen und brüllte einen anderen Mann an, der ein Fahrrad bei sich führte und kleinlaut am Geländer lehnte.

  Ich sah nach links zu der Frau auf der Bank, und sie sah mich an und grinste schemenhaft. Oben auf der Brücke hörte man nun den Radfahrer reden, es klang entschuldigend, aber zunehmend in auftrumpfendem Tonfall; ich wollte etwas zu der Frau sagen und merkte, daß der Abstand zwischen den Bänken zu groß war um verstanden zu werden, ohne daß ich etwas gerufen hätte. Ich schüttelte den Kopf, stand auf und ging zu ihr hinüber. Ich entdeckte dunkle Augen; sie grinste nicht mehr, hatte etwas eher Spöttisches im Gesicht, als Zusammenspiel von Stirn, Augenbrauen und Mund.

  „Was war denn da?“ fragte sie.

  „Es ist wohl einer bei Rot gefahren. Es darf aber immer nur einer in einer Richtung.“

  „Ach so, naja.“

  Es klang so, als wolle sie sagen: Gibt Schlimmeres.

  „Gibt Schlimmeres“, sagte ich. Die Streitenden auf der Brücke hatten sich bereits voneinander entfernt.

  Anstatt zu antworten, fummelte sie eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche ihrer Bluse, zog sich eine raus und hielt mir die Schachtel hin. Rothändle ohne Filter.

  „Auch eine?“

  „Nein, danke, rauche nicht mehr. Aber Feuer kann ich Ihnen geben.“

  „Besser, man hat das immer dabei, was?“

  Ich blickte sie an, und es sah vielleicht irgendwie ironisch aus, jedenfalls lächelte sie genau so zurück. Ich ließ mein Feuerzeug aufschnappen, und sie machte nicht den Fehler, meine Hand zu berühren oder zu halten, während sie die Zigarette anzündete, sondern blieb wie selbstverständlich auf Abstand. Hätte sie die Haare lang getragen, wären sie über meinen Arm gestrichen, so aber blieb sie vorerst ein Wesen, daß sich leicht entfernt von mir im Raum bewegte.

  Wir saßen eine Weile so da; ich blickte ins Wasser, vermutlich tat sie das Gleiche. 

  „Es ist komisch“ sagte sie.

  „Komisch? Was?“

  „Ich glaube, wir kennen uns schon.“ Sie blickte jetzt sehr neutral, aber die Stirn kraus.

  „Kann natürlich sein, aber ich weiß nicht, mir fällt nichts ein. Kommen Sie von hier?“

  „Nein, aber ich war früher häufiger in Verden, vor langem, in den siebziger Jahren. Ich hatte einen Freund hier, Klaus. Heißt Du nicht Rainer?“ Jetzt schien das Wasser im Fluß irgendwie schneller zu strömen, ein Gefühl breitete sich in mir aus, vom unteren Rücken aufsteigend in Richtung Herz.

  „Stimmt. Aber was für ein Klaus?“

  „Klaus Wunder. Du warst mit seinem Bruder enger befreundet, Horst.“

  „Stimmt auch.  Wir gehörten alle zu der Clique um Uli, Schorse, Plumps, und trafen uns immer oben unterm Dach in Horsts Zimmer. Jetzt erinnere ich mich an Dich. Du warst ein paar Mal dabei, mit Klaus, wenn er aus Göttingen zu Besuch war.“

  „Ja, Ihr wart auch häufig in Rotenburg, in einer Diskothek.“

  „Club Europa.“

  „Genau.“

  „Das ist ja irre, Dich hier zu treffen. Hier saß damals täglich von Frühling bis Herbst die ganze Verdener Kifferszene am Ufer. Aber – ich weiß überhaupt nicht mehr, wie Du heißt.“

  „Inge.“

  „Inge. Total vergessen. Das ist aber auch ewig her. Und damals hattest Du lange Haare.“

  Sie antwortete nicht und blickte auf irgendeinen Punkt im Himmel, der nur für sie da war.

  „Damals bei Euch ging es fast immer und hauptsächlich um Stoff“, sagte sie.

  „Ja, stimmt. Vorher waren wir alle ziemlich politisch gewesen. Die NPD kandidierte 1969 zur Bundestagswahl. Es gab einen Polizisten hier in Verden, der war dabei. Sein Sohn war eine Zeitlang mit mir in eine Klasse gegangen am Domgymnasium. Die Nazis hielten Wahlveranstaltungen ab im Hotel Höltje, die versuchten wir zu stören, mit mehr oder weniger Erfolg. Übrigens fanden dort auch immer die Tanzstunden für die Gymnasiasten statt.“

  „Klaus hat mir von alldem erzählt. Da studierte er aber schon in Göttingen.“

  „Und zu dieser Zeit, eigentlich schon etwas vorher, ging es los mit dem Stoff. Das Politische kippte irgendwie um in diese Shit- und Tripsache. Irgendwann ging es nur noch darum, wer was hat oder von wo was kriegt oder wer was von wo holen fährt. Einige in der Clique fingen dann auch noch mit Trips an. Ich ging dann nach Göttingen zum Studieren.“

  „Da sind wir uns dann wieder begegnet.“

  „Stimmt. Da bin ich dann in das Zimmer gezogen, was Klaus bis dahin bewohnt hatte. Und da habt Ihr mich dann mal besucht. Das Zimmer lag ebenerdig, direkt zur Straße. Der Vermieter war ein Leichenbestatter, das Beerdigungsinstitut war hinten im Haus. Weißt Du das noch?“

  Sie antwortete nicht, nickte leicht, und zog wieder eine Zigarette hervor. Ich kam nicht dazu, ihr Feuer zu geben, denn sie hatte plötzlich eine Streichholzschachtel in der Hand. Im Nu flammte das Hölzchen auf.

  „Warum bist Du eigentlich nach Göttingen gegangen?“ fragte sie.

  „Eigentlich hing es zunächst mit meinem Vater zusammen. Er hatte da studiert, in den dreißiger Jahren, war in einer Burschenschaft, Frisia hieß die, eine schlagende Verbindung, die gibt es immer noch. Er hatte dann den Status eines Alten Herrn, war immer in Kontakt zu der Burschenschaft geblieben. Nachdem ich 1969 Abitur gemacht hatte, entstand natürlich die Frage, wie es mit mir weitergehen sollte. Daß ich studieren würde, stand außer Frage. Mein Vater hatte die Idee, ich könnte mal ein paar Wochen in dem Haus der Burschenschaft wohnen, um mir alles anzusehen, die Stadt, die Universität. Insgeheim hoffte er wohl, ich würde Mitglied bei den Göttinger „Friesen“ werden. Ich wohnte zwei Wochen in deren Burschenschafterhaus, kehrte nach Verden zurück. Diese Burschenschaft war nicht meine Welt. Ich beschloß aber, Geschichte und Englisch zu studieren, mit dem Ziel, Lehrer zu werden wie mein Vater. Kann auch sein, daß Klaus mir Göttingen nahebrachte. Ich zog dann in sein Zimmer, das er loswerden wollte; ich denke, das war im Oktober des Jahres. Vielleicht habe ich Dir das damals alles schon mal erzählt.“

  „Das weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber an unseren Besuch bei Dir in dem Zimmer.“

  „Das muß etwa im November gewesen sein.“

  „Kann sein, das ist aber unwichtig.“ Sie drehte den Kopf  zu mir und blickte mich an. „Dir ging es an dem Abend nicht gut.“

  „Ja, stimmt. Das vergesse ich auch nicht.“

  „Wie war das denn noch?“

  „Klaus und Du kamen irgendwann. Er kannte dieses Zimmer ja in und auswendig, du wahrscheinlich auch, und Ihr setztet Euch gleich zusammen auf die Schlafcouch. Draußen war es schon dunkel. Wir tranken – glaube ich – Tee, und ich hatte einen Kuchen, den mir meine Mutter geschickt hatte, so eine Art Sandkuchen mit Rosinen drin und Sultaninen.“

  „Das weißt Du ja noch ziemlich genau, Rainer.“

  „Ja, aber vorher gab es Shit. Klaus hatte ein ziemlich starkes Zeug dabei, Afghane wahrscheinlich. Das Zeug knallte richtig rein. Wir redeten über alles Mögliche. Allmählich geriet ich in einen Rausch. Mir ging `s wahnsinnig gut. Du weißt ja, wie man dann Hunger bekommt, richtigen Heißhunger; wir brachen den Kuchen an. Ich schnitt ihn mit einem Brotmesser auf. Ich sehe den Kuchen da noch vor mir liegen auf dem niedrigen Sofatisch, das Messer daneben. Es schmeckte wunderbar, und in mir und vor mir sah ich sprühende Lichtpunkte in allen Farben wie bei einem Feuerwerk. Ich dachte an den bremer Freimarkt, an rasende Karussels, deren Lämpchen sich im Kreise drehten. Wahrscheinlich hörten wir irgendwelche Musik, vielleicht Pink Floyd, ich weiß nicht mehr. Wir sprachen dann kaum noch zu dritt miteinander; ihr lagt umarmt auf dem Sofa und unterhieltet Euch leise. Du fragtest Klaus irgendwas, und er antwortete laut und schroff: ‚Nix, kommt nicht in Frage.‘ Ich wußte nicht, worum es ging, hatte aber das Gefühl, daß Ihr Euch über mich unterhieltet. Und dann kam das Messer ins Spiel. Es lag vor mir neben dem Kuchen auf dem Tisch. Und ich vermeinte aus Eurem anschließenden Geflüster etwas Bedrohliches herauszuhören. Ihr wolltet mich umbringen. Ich war mir ziemlich sicher.“

  „Das ist ja verrückt. Wie kamst Du denn darauf? Das hast Du mir später nicht erzählt.“

  „Nein. Das war ja auch eine irre Phantasie. Jedenfalls bin ich dann zum Fenster gegangen; draußen wurde es schon hell. Oder nein: es war wohl noch dunkel, aber als ich zurückkam, war es hell… Jedenfalls habe ich das Fenster aufgemacht, bin über die Fensterbank gestiegen, auf den Gehweg gesprungen – er war ja nicht tief unten, sondern praktisch auf der Höhe des Fußbodens im Zimmer – und dann bin ich losmarschiert, bin vor denen die mich ermorden wollten, geflohen.“

  Sie schüttelte den Kopf. Dann blickte sie mich mit etwas zweifelndem Blick wieder an. „Muß an dem Shit gelegen haben. Oder hattest Du vorher schon mal so eine Phantasie? Oder später?“

  „Nein.“

  „Ich erinnere mich, daß Du plötzlich verschwunden warst. Klaus und ich sind dann irgendwann gegangen.“

  „Ich muß stundenlang rumgelaufen sein. Ich weiß noch, daß ich durch Parks ging und über eine Art Wallanlage. Als ich durchs Fenster zurückkletterte, war es jedenfalls hell. Ihr wart weg. Du kamst dann nach ungefähr einer Woche mich besuchen. Ich glaube, ich hatte Klaus schon irgendwann getroffen, aber jetzt kamst Du allein.“

  „Ja, und? Was meintest Du, warum?“

  „Ich glaube, Du hattest irgendwas vergessen in der Nacht, irgendeinen Gegenstand. Den wolltest Du holen. Angeblich.“

  Inge lachte zum ersten Mal seit wir uns jetzt wiedergetroffen hatten. „Du hast nichts kapiert, oder?“

  „Ich sehe Dich noch vor mir, wie Du kamst, wirktest ein bißchen geheimnisvoll. Hast mich allerlei gefragt, fürsorglich. Ich war einfach ein bißchen blöd, und grundsätzlich schüchtern. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß Du schöne Frau wegen mir kamst und nicht wegen irgendwas Vergessenem, das Du vielleicht  absichtlich liegen gelassen hattest. Naja, so war ich eben.“

  „Wie ging es denn mit Dir weiter? Du bist doch zurück nach Verden gegangen?“

  „Ja. Ich hab die ganze Situation nicht bewältigt, konnte in Göttingen nicht Fuß fassen. Tollerweise haben wir an der Uni gestreikt, wegen irgendwas ganz Grundsätzlichem. Das Semester war verloren. Mit dem Studium lief es also nicht, und Freunde hatte ich nicht, die waren in Verden. Eine Freundin hatte ich schon gar nicht. Ich ging dann im Januar zurück nach Verden.“

  „Zu Mutti.“

  „Ja, Scheiße, das ist eigentlich peinlich, aber so war es. Und ich hatte dann in Verden noch so einen Horrortrip auf schwarzem Afghanen, dann hab ich mit dem Shit ganz aufgehört. Ich hing fast nur noch so rum, ganz viel hier unten an der Aller. Meinen Eltern wurde das alles irgendwann zu bunt. Mein Vater hat mich quasi bei einem Buchhändler in der Stadt zur Lehre angemeldet. Das war gut, danach ging es bergauf. Was ist aus Dir geworden?“

  „Ich hab ja immer gearbeitet, nicht studiert. Hatte also mein Geld. Von Klaus hab ich mich irgendwann getrennt.“

..“Das hab ich damals noch mitbekommen. Und was machst Du jetzt hier in Verden, Inge?“

  „Hab eine alte Freundin besucht. Es ist auch schön, das alles hier wiederzusehen, die Altstadt, die Aller… Und Du?“

  „So ähnlich. Ab und zu muß ich mal wieder hier sein. Auch einfach wegen der Aller.“

  Inge schweigt eine Zeitlang, blickt auf die gekräuselte Wasserfläche. Ich sehe wieder einen Ast vorüberschwimmen, er dreht sich leicht in einem Strudel.

  „Rauchst Du denn gar nicht mehr, Rainer?“

  „Hab ich doch gesagt.“

  „Naja, ich meine Shit. Hast Du es nie wieder versucht?“

  „Doch, ja, viel später. Mir ist klar geworden, daß meine Horrortrips mit meiner beschissenen Lage damals zu tun hatten, mit dem Alleinsein. Später, viel später lernte ich eine Frau kennen, mit der ich lernte, damit umzugehen. Es kommt auf die Dosis an, und ob man sich gut fühlt, geborgen. Mit ihr war das so.“

  „Sag mal...“

  „Ja?“

    Auf Inges Gesicht trat ein neuer, sanft-interessierter Ausdruck.  „Wollen wir nicht… Ich hab was da, bei mir.“

  „Wo wohnst Du denn. Bei deiner Freundin?“

  „Nein. Im Hotel, bei Höltje. Du kannst doch mitkommen, wenn Du willst.“

  „Bei Höltje wohnst Du… okay…“

  Wir sahen uns an. Ich sah die Frau, die mich zusammen mit Klaus ermorden wollte. Sie lächelte, dann lachte sie. Und ich weiß nicht, was mein Gesicht machte, es war wohl etwas zwischen Lächeln und Verwunderung.

  Jedenfalls gingen wir dann zum Hotel Höltje.

 

 

 

Der Plan

 

I.

 

  Letzten Monat habe ich einen Mann kennengelernt, Torf. Wer weiß, was daraus wird. Es könnte aber was daraus werden.

  Ich war zu einem Treffen gegangen in einer Kneipe, angekündigt in einem Szeneblatt als „Schriftstellerstammtisch“. Ein neuer Versuch, hieß es. Also hatte es schon einen oder mehrere Versuche gegeben. Etwas neugierig zu erfahren, was dort versucht werden würde, ging ich also hin. Es konnte ja nicht schaden.

 

II.

 

  Die Leute da schienen sich fast alle schon zu kennen ohne zu sagen woher. Das würde sich sicher noch alles herausstellen. Ich kannte niemanden und war die einzige Frau. So wurde ich wohl doppelt interessant.

  In der männlichen Selbstdarstellergalerie wurde nun allerlei ausgestellt: wer schon überall was veröffentlicht hatte, in Anthologien, Zeitschriften, im Selbstverlag, neuerdings vermehrt online in allerlei Blogs und Foren. Wahrscheinlich glaubten sie, ich sei ganz neu in der Branche und hätte Angst zuzugeben, daß ich zwar schriebe, aber ohne jemals etwas veröffentlicht zu haben. Also fragten sie nicht.

  Einer unter ihnen war still. Er trank von seinem Bier und kritzelte zwischendurch in einem Notizbuch. Er sagte, er hieße Torf. Wir beide blieben als letzte übrig in der Runde. Nachdem die Kneipe geschlossen hatte, brachte er mich zum Bus.

 

III.

 

  Wir haben uns nach ein paar Tagen wieder getroffen, in einem Café, verabredet per e-mail. Er erzählte sehr viel über sich, wie Männer das tun zu Anfang. Später werden sie meistens verschlossener, müssen sich wieder schützen. Er sagte, er schriebe an mehreren Texten gleichzeitig. Davor habe er eine lange Blockade gehabt, warum, wisse er nicht. Das sei rätselhaft.

  Woran ich schrieb, sagte ich ihm besser nicht. Bis heute habe ich ihm auch weder meine Adresse noch Telefonnummer gesagt. Er meint, das sei auch nicht so wichtig. Ich weiß von ihm fast alles. Vorgestern sagte er, er würde täglich über den Tod nachdenken. Vor allem über seinen eigenen. Aber darüber schreiben könne er nicht. 

 

IV.

 

  Torf glaubt, daß ich verheiratet bin. Mein Mann sei grundsätzlich eifersüchtig und würde bald etwas herausfinden, wenn wir nicht vorsichtig wären. Torf glaubt mir anscheinend alles. Er ist sicher verliebt. Das ist ein schönes Gefühl. Es gibt mir eine Art Sicherheit bei dem was ich tue und von dem er nichts weiß.

 

V.

 

  Der Verleger sagt, er habe sich nicht in mir getäuscht. Eine Reihe von Berufsjahren im Journalismus sei immer eine gute Basis für einen Ghostwriter. Der bisher vorliegende Text wirke schon sehr authentisch, wie von Blender selbst verfaßt. Sehr kompakt, sehr professionell. Der Spitzname „Blender“ war dem Verleger vor zwei Jahren gleich während unseres ersten Gesprächs eingefallen, als es darum ging, ob ich die Richtige sei, die Autobiographie des Außenministers zu schreiben.

 

VI.

 

  Heute hat Torf mir Genaueres über seine Todesphantasien erzählt. Das Ganze habe sich nach und nach immer mehr in sein Leben geschlichen.

  Als Kind habe er den Tod zunächst in Erzählungen über das Sterben anderer wahrgenommen: Großeltern, die er nie kennengelernt habe, ein Onkel, der im Krieg gefallen war. Nach Überwinden religiöser Vorstellungen von ewigem Leben habe er geglaubt, er werde nach seinem Tod durch das was er im Leben geleistet habe und in Erinnerungen anderer gewissermaßen weiterleben. Als Erwachsener habe er über all dies zunächst wenig nachgedacht, weil noch viel Lebenszeit vor ihm gelegen habe. Wenn schon, habe er eher Angst vor dem Sterben als vor dem Tod gehabt. Jetzt habe sich dies umgekehrt: wer unter Schmerzen stirbt, erlebt es ja noch; aber danach sei alles auf immer vorbei – eine schreckliche Vorstellung.

  Zu seinem siebzigsten Geburtstag habe er von seinen Töchtern ein Originalexemplar einer Zeitung erhalten, die am Tage seiner Geburt in seiner Geburtsstadt erschienen sei. Darin gelesen habe er noch nicht. 

 

 

VII.

 

Torf ist verheiratet und lebt mit seiner Ehefrau. Zum Glück sind seine Kinder erwachsen und leben woanders. So besteht kaum Gefahr, eine junge Familie zu zerstören. Das ist immer das Schlimmste.

  Ich weiß nicht, von wem es ausgeht, von ihm, von mir… Dreißig Jahre jünger zu sein, ist… komisch? merkwürdig? eigenartig? bedenklich? beängstigend? verstörend? oder: entlastend, weil es ja sowieso kaum eine Zukunft hat? oder eine kurz andauernde?

  Jedenfalls… ist da jetzt etwas…Aber ich will das L-Wort nicht benutzen. Es paßt vielleicht eher in die Autobiographie eines Ministers, der seine große Aufgabe liebt.

 

VIII.

 

  Vor zwei Wochen war ich bei einer ärztlichen Routineuntersuchung. Ich hatte zuvor schon Schmerzen verspürt im Bauch und Rücken, es aber versucht zu ignorieren. Der Arzt überwies mich an einen Spezialisten; er stellte ein Karzinom fest. Es hat schon gestreut. Es ist eine Krebsart, die sehr schnell voranschreitet. Der Spezialist gibt mir noch etwa ein halbes Jahr. Es sei aussichtlos. Ich habe Torf nichts davon erzählt und werde es weiterhin so halten.

  Das Manuskript werde ich fertigstellen können. Die Interviews mit dem Blender liegen vor, weitere Recherchen sind nicht nötig. Torf wird später beeindruckt sein, wenn er meinen Namen auf dem Titelblatt liest, als Co-Autorin. Irgendwer wird ihm sagen, daß der Blender überhaupt nichts geschrieben hat, sondern alles von mir stammt.

  Aber dann werde ich nicht mehr leben.

 

IX.

 

  Torf und ich haben uns getroffen und sind mit seinem Wagen aus der Stadt hinaus in die Landschaft gefahren. Es war schon etwas herbstlich, die Sonne stand nicht mehr so hoch, aber es war warm.

  Wir lagen eng zusammen im hohen Gras über der Kanalböschung und ließen die Schiffe vorüberziehen. Er hat wieder von seiner Todesangst angefangen. Daß er zuweilen nachts aufwacht und sich vorstellt, was wäre wenn er nicht mehr vorhanden sei auf immer und ewig; das könne eigentlich nicht sein, dieses für immer vorbei. Daß es aber keinen Ausweg daraus gebe, denn die religiösen Lösungen seien Selbstbetrug aus Furcht vor diesem Nichts. Ihm täten die Menschen leid, die die Wahrheit nicht ertragen könnten. Andererseits seien sie vielleicht weniger beunruhigt als er, hätten eine Lösung gefunden, die ihnen Trost biete.

  Ich habe mir das zum wiederholten Mal alles angehört. Mir fällt dazu nichts ein. Vielleicht hilft es ihm ein wenig, wenn ihm irgendwer einfach zuhört. Er sagt, mit seiner Frau könne er darüber nicht sprechen.

  Ich muß aufpassen, daß er mich nicht beim Einnehmen der Medikamente erwischt. Es sind sechs verschiedene Tabletten, die ich dreimal am Tag schlucke.

 

X.

 

  Ich werde mit Torf schlafen. Er ahnt es sicher schon, denn er weiß, daß wir Frauen diese Entscheidung treffen, auch wenn Männern es anders erscheint. So klug ist er schon. Er weiß auch, daß er nicht diese Art von Frauentyp ist, die sich alles erlauben kann. Das schätze ich an ihm. Er weiß sehr viel über sich.

  Es wird in einem Hotel sein, denke ich. Ein ganzes Wochenende lang. Es wird sehr schön sein. Ich schicke ihm eine mail mit allen Informationen. Seiner Frau wird er irgendeine Geschichte erfinden, ein Schriftstellertreffen in irgendeiner Großstadt oder ähnliches.

  Und danach werde ich ihn nicht mehr sehen.

  Ich werde alles zuende bringen.

  Ich könnte ihm noch einen Brief schreiben und ihn bitten, alles aus seiner Sicht aufzuschreiben. So würde ich sozusagen weiterleben, oder wir würden weiterleben. Es liegt dann alles in seiner Hand.

 

  

 

 

Aufschub

 

Meine vorläufigen Tode

Schwarze Larven

Entpuppen sich

Zu Schmetterlingen

 

Jedesmal

Fliegt mein Leben froh

Wieder davon

 

 

 

Sønderho I

 

Es wäre so

Wie Wolken weiß

Im Himmelblau

Vorüberziehn

 

Der Wind durch Dunkelgrün

Von Bäumen Büschen tobt

Und Sonne heiß

Auf meine Stirn

Herunter brennt

 

Nichts sonst -

Dann könnt' ich

Gehn

 

 

 

Sønderho II

 

Decksbalkenschielen

Unter altem Reetdach

Kleine Menschen

Lebten hier früher

Ich setze mir

Einen Hut auf im Haus

Als Schutz

Und alles riecht noch

Nach Kuhstall

 

Draußen an den Fahnenmasten

Weht nirgends eine Flagge der Deutschen

Dahinter am Strand versinken noch

Ihre Bunker

 

 

 

Sønderho III

 

Oben im Blau

Fremde Insel

Mehrere Kontinente

Clownsgesicht

Schneelandschaft

Irrwisch mit Häkchen

Einhornherde

Korallenturm

Jedes sieht anders aus

Und sind alle gleich

Wolken

 

 

 

Der Hahn Erdogan

 

Ostfriesen lebten einst gefährlich

Als Witzfiguren unentbehrlich

Ein Menschenschlag den jeder kennt

Und alles ohne Präsident

 

Sie hatten keinen Erdogan

Der ihnen gern als Gockelhahn

Von morgens früh bis abends spät

Das Lied von Deich und Watt gekräht

 

Und hätte ihnen alle Zoten

Und Lachen über ihn verboten...

Den hätten sie gewiß verachtet

Und eines Abends still geschlachtet

 

Und rasch verspeist. Jedoch ich frage:

Wär' dies die Lösung heutzutage?

Die Menschheit könnte sich besessen

An Diktatoren überfressen

 

 

 

 

das gerücht

 

es ist was passiert

nicht hier

woanders

zum glück

sonst wäre es schlimm

sehr schlimm

so aber auch

ist es schlimm genug

 

das stimmt gar nicht

sagt jemand naja

es hätte aber

passieren können

auf jeden fall

bei diesen leuten

es sind einfach zu viele

da muß was passieren

 

sie hätten es getan

bestimmt

allein die möglichkeit

das reicht schon

es wäre sowieso passiert

früher oder später

wem das nicht reicht

hat selber schuld

 

 

 

 

 

 

Kongreß der Fluchtursachen

 

 

Meine Damen und Herren,

 

  setzen Sie sich. Ah - ich sehe, Sie sitzen schon. Herzlich willkommen!

 

  Ich bitte um Ruhe. Wir sind doch hier nicht im Erstaufnahmelager. Jeder kommt zu seinem Recht. Also bitte beruhigen Sie sich. Danke.

 

  Es ist wundervoll, daß so viele gekommen sind. Bis vor kurzem hat es gar nicht danach ausgesehen. Man war verzagt und lustlos, schämte oder fürchtete sich gar. Aber warum denn? Haben wir dies nötig? So rufe ich es heute laut aus, damit alle in diesem Land es hören können: Herzlich willkommen zum ersten bundesweiten Kongreß der Fluchtursachen!

 

  Daß wir uns öffentlich treffen und unsere Interessen formulieren und vertreten wollen, lag in der Luft. Wer wöchentlich, ja täglich hören muß, daß man ihn bekämpfen will, der darf wohl auch einmal etwas dagegen sagen. Frau Merkel, hier sind wir, von denen sie ständig reden, wir sind stolz auf uns als Ursache, und lassen uns folglich aus diesem Land nicht vertreiben. Wohin sollen wir denn gehen? Danke, danke für den herzhaften Beifall.

 

  Daß wir uns nun organisieren, ist auch eine Frage des Gemeinwohls. Wenn jeder das sagt, was man ja wohl einmal sagen darf, ist damit allen gedient. Wir wollen hier nicht von Einzelinteressen reden, wir blicken auf das Große und Ganze, auf das große "wir", denn Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Wie bitte, was rufen Sie da? Das stehe so auch im Programm der NSDAP von 1920? Wer sind sie denn? Haben Sie sich bei der Mandatsprüfungskommission als Fluchtursache überhaupt angemeldet? Nun - wir werden das prüfen. Bleiben Sie vorerst sitzen. Sie erfahren bald, ob wir Sie als Kongreßteilnehmer anerkennen können. Wie bitte? Danke - keine Ursache. Wir schaffen das.

 

  „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger", so soll einmal unser unvergessener Bundespräsident Heinrich Lübke bei einem Staatsbesuch 1962 in Liberia eine Rede begonnen haben. Was immer auch daran gewesen ist, ich scheue mich nicht, Ihnen zuzurufen: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Ursachen!" Und somit komme ich zur Begrüßung einiger besonders liebenswerter Gäste.

 

  Ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter der Firmen Diehl Defence, Airbus Group, Kraus-Maffei Wegmann, Heckler & Koch, Rheinmetall, Thyssen-Krupp, Tognum AG, Männer und Frauen aus den Firmenleitungen, Aufsichtsräten, Betriebsräten, die beispielhaft und in echtem Gemeinsinn dafür sorgen, daß deutsche Rüstungsgüter in alle Welt verbracht werden und dort dafür sorgen, daß diese Welt von Tag zu Tag mehr zusammenwächst. Ein herzliches Willkommen auch an den hier unten in der ersten Reihe sitzenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik, die sich seit vielen Jahren ganz selbstlos als gemeinnütziger Verein für die staatliche Sicherheitsvorsorge Deutschlands engagiert. Ich sehe noch viele andere hier im Saal versammelt, die sich um diese schöne Gemeinschaftsaufgabe kümmern und kann sie gar nicht alle nennen. Schön, daß Sie da sind! Nicht alle Fluchtursachen sind so klar zu erkennen, Ihnen sieht man es wahrlich an!

 

  Wen soll ich alles nennen, wen ausdrücklich begrüßen? Wir kennen uns doch alle und arbeiten vielerorts und mannigfaltig zusammen. Ich sehe etwa dort in der zweiten Reihe von vorn einige bekannte Gesichter aus der Lebensmittelindustrie, Persönlichkeiten, die mit einem Gefühl echter Fürsorge für die Ärmsten dieser Welt all das was hier in diesem unserem satten Lande nicht verwertet werden kann, zu günstigen Preisen in die Entwicklungsländer des Südens bringen, um dort den alltäglichen Hunger zu bekämpfen. Daß dabei einige vorsintflutliche Landwirtschaftsbetriebe vor Ort weichen müssen, dürfte jedem einsichtig sein. Keine Ursache ohne Wirkung. Es ist genug für alle da. Kein Fortschritt ohne Folgen. Seien Sie willkommen!

 

  Und dann auch alle andern, Verbraucherinnen und Verbraucher, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Aktionärinnen und Aktionäre, überhaupt alle, die von der starken Stellung Deutschlands als Exportweltmeister profitieren, eine Stellung, die es nun einmal erfordert, daß wir unsere Interessen weltweit mit vielerlei Mitteln vertreten und den einen oder die andere infolgedessen dazu bringen müssen, uns nun aufzusuchen, um einen scheuen Blick auf all das zu werfen, was fleißige Hände hierzulande erwarben. Viele von denen, die nun zu uns kommen, werden schon bald, ich hoffe: möglichst bald sich selbst in der einen oder anderen Weise im Kreise der Fluchtursachen wieder finden. Helfen wir ihnen dabei. Es wird zu unser aller Besten sein.

 

  Und nun: Feuer frei! Sie haben das Wort....

 

 

 

 

 

die scham

 

 früher wenigstens trennten uns mauern.

 die mauern waren hoch und häßlich, man wußte genau was sich dahinter befand. dieses wissen bot sicherheit. man mußte nicht einmal seinen augen trauen.

 wir besaßen wenig, aber wir besaßen unsere mauern.

 gelangte jemand aus irgendeinem grund hinter so eine mauer, sei es von der einen, sei es von der anderen seite, konnte er sich nur wundern, wie wenig die anderen dort drüben über sich, dafür umso mehr über ihren gast und dessen welt wußten. die gastgeber glaubten zu wissen, wußten aber nichts über ihren glauben, diese narren.

 der besucher fühlte sich unwohl und doch wohl unter ihnen, war er doch so viel besser informiert über sie als sie über sich und so viel besser über sich als sie über ihn. also versuchte er zu helfen, behutsam aufzuklären, ein wenig licht ins dunkel zu bringen, doch diese verblendeten ließen es nicht zu, waren unbelehrbar. auch mußte der besucher bald zurück, dorthin, wo er hingehörte, an den ort seines wissens.

 er kehrte heim mit einem gefühl der scham, wußte jedoch nicht vor wem und wessen er sich schämte. nach einigen tagen war dann die scham verschwunden.

 heute besitzen wir nicht einmal mehr mauern, unser wissen ist grenzenlos, schamlos, und unseren augen trauen wir alles zu.

 

 

 

 

Tektonik mit Dreizehn

 

Dicke gelbe Lava

Quillt aus furunkulösen

Kraterbergen jugendlicher Haut.

Pustelige Gipfel des

Körpereigenen Vulkanbezirks

Ragen auf in der unruhigen Region von

Unterarmen und Handoberflächen.

Warum will das Innere

Dort nur hinaus?

 

Abends heilt der Vater

Sorgender Erdgott

Mit Binden und Salben

Die Grabenbrüche des

Pubertierenden Sohnes.

Etwas in ihm

Hat bisher geschlafen

Unter allem Sichtbaren

Denkbaren

Im staunenden Ekel vor dieser eiternden Tiefe

Fühlen Vater und Sohn sich

Vorläufig vereint.

 

 

 

 

Verden I

 

Heimat ist

Wo an einem grauen Sonntagmorgen

In einer Windmühlenstraße um 7 Uhr 15

Schon eine Bäckerei mit Klo auf hat

Wo ich meine übel drängende Morgenwurst

Lassen kann

Scheiß Heimat: Im Bahnhof

Waren beide Klos KAPUTT

 

 

 

Verden II (Weigerung)

 

Hier

In dieser Buchhandlung

Habe ich GELERNT

1971 bis 1973 das

Ist nun ein Laden für Tüdellüt

Das kann nicht sein

Das Fischgeschäft Bremer

Geschlossen

Butter-Eiche verschwunden

Café Engelhardt frei zum Abriß

Meine Schule steht noch

Behaupte ich

Lieber bin ich nicht hingegangen

Nein - das kommt nicht in Frage

An all das Neue

Werde ich mich

Nicht erinnern

 

 

 

Verden III

 

Glaubst Du

Irgendwer wird sich an Dich

Erinnern glaubst Du

Irgendwas wird Dir noch

Gefallen

Glaubst Du

Irgendwer wohnt hier noch und

Sei es woanders

Am Stintfang

In der Lindhooper

Straße am Meldauer Berg

In Eitze Hönisch

Vergiß es ach vergiß die

Verpisste Stadt Deiner Jugend

Mit all den alten Nazis

Alten Bäumen am

Wall jetzt abgeholzt

CDU Bürgermeister SPD

Bürgermeister je nach

Wetterlage eingeregnet

Oder Sonnenschein

Bloß die Aller strömt und strudelt

Wie zu Eberhard von

Holles Zeiten und hier

Am Ufer neben der Brücke

Haben wir 1970

Unsere Joints geraucht

Die haben mich

Zu dem gemacht

Was bleibt

 

 

 

 

Kabeljo

 

 Jo Kabel hatte in seinem Leben bisher eine Million, achthundertneunundsechszigtausend und vierhundertundsiebenunddreißig Worte gesprochen. Dann verstummte er für immer. Er war neununddreißig Jahre alt und sprach nie wieder ein Wort.

 Nicht daß er sich dies in irgendeiner Weise vorgenommen hätte. Es geschah, und es geschah auf eine überraschende Weise als Jo wie gereimt auf dem Klo saß. Er hatte sich erleichtert, hatte - wie seine Mutter es immer nannte - Groß gemacht, griff zur Klorolle. In diesem Moment hätte er noch sprechen können. Zu spät: Er entrollte drei Blatt Papier, riß ab, faltete sie übereinander, fuhr damit hinter sich, wischte ab, zog die Hand wieder hervor, betrachtete die abgewischte Frucht seines Darms und bekam Lust sie abzulecken.

 Er leckte sie ab, schluckte sie runter.

 Und von diesem Moment an gab es für Jo keinen Grund mehr zu sprechen. Es war einfach nicht mehr nötig. Er begriff, daß alles bisher Geredete nur überflüssig wie verschwendete Spucke gewesen war, an und für sich nichts mit ihm zu tun gehabt hatte. Dieses Lecken hatte ihn von der Wurzel her verwandelt.

 Er lebte fortan nur durch seine Zunge.

 

 Jo erleckte zunächst sich selbst. Es gelang ihm, eine stets wachsende Fläche seines Körpers neu zu entdecken. Als er die Grenze des mit der Zungenspitze irgendwie noch Berührbaren erreicht hatte, begann er seine Umgebung zu bezüngeln: Fußböden, Gehsteige, Straßenpflaster, Treppen, alles Begehbare wurde auch beleckt, bis in feinste Ritzen und Ecken. Es folgten Vertikalen: Wände, Bäume, Laternenmasten...

 Infolge des leckenden Lebenswandels vergrößerte sich Jos Zunge zusehends. Allmählich begann sie ihm aus dem Mund herauszuhängen, zunächst für ein bis zwei Zentimeter über die Unterlippe, dann bis zur Kinnspitze hinab, so daß er mit der Zungenspitze in der anderen Richtung bis zur Nasenwurzel, bald bis an die Augenbrauen gelangen konnte. Selbst wenn er es gewollt hätte, nun konnte er nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Die Zunge nahm die tiefrote Farbe eines Hahnenkammes an, mit einem Geflecht blaugrün schillernder Adern an ihrer Unterseite. Es war nur eine Frage der Zeit, daß diese anatomische Besonderheit mit ihren phantastischen Möglichkeiten dem anderen Geschlecht auffallen mußte, an das Jo früher nur eine Unzahl an Worten vergeudet hatte.

 Als erstes verliebte sich eine Yvonne in Jo. Sie sah ihn auf der Straße sich im Ohr lecken, schon war es um Yvonne geschehen. Sie folgte ihm, ihre Blicke trafen sich, man ging in ein Cafe, er nahm sie mit nach Haus, das Übliche. Aber was dann kam, war ganz und gar nicht üblich. Was andere Männer mit der Zunge vermochten, konnte Jo zehnmal besser, größer, länger. Er konnte mit seiner Zunge tief in Yvonne eindringen. Ohne die übliche Zeitverzögerung ließ Jo sein Organ rein gedanklich gesteuert zu praller Größe wachsen. Und sein traditionelles Liebeswerkzeug war als nette harte Abwechslung zusätzlich da. Jo, ein Stecher mit zwei Zinken, die sich wundervoll ergänzten: Yvonne war restlos begeistert. So weinte sie bittere Tränen, als Jo ihr eines Tages wortlos, allein durch Absenken seiner Zunge zu verstehen gab, daß „Schluß“ sei. Denn es gab bereits eine Christine.

 Rasch sprachen sich seine Fähigkeiten in der Stadt herum. Auf Christine folgten Gaby, Scheila, Susanne, Rosy, Aysche, Frauen und immer mehr Frauen, die sich nach Jos Zunge verzehrten. Als besonders angenehm empfanden sie alle es, daß Jo keine überflüssigen Worte machte, mit gezäumter Zunge sofort zur Sache kam.

 Das war eine anstrengende Zeit für Jo. Man verpaßte ihm als Spitznamen das Anagramm Kabeljo, was zugleich an einen Kabeljau erinnerte. Immer ging von Jo’s Gesicht ein durchdringender Fischgeruch aus, den er selbst gar nicht wahrnahm.

 

 Allmählich wurde Jo zu einem Ärgernis, ja man begann ihn zu hassen. Pastoren warnten vor ihm von der Kanzel, besonders an Pfingsten, wenn andere in Zungen redeten, Jo aber stumm sein gottloses Unwesen trieb. Kein Mann konnte sicher sein, daß seine Frau oder Freundin, Schwester oder Mutter nicht gerade beim Kabeljo war. Nachdem die Geliebte eines hohen Staatsbeamten Jo zur Teatime gebeten hatte, dies jedoch jenem zu Ohren kam, wurde Kabeljo unter dem Vorwurf, sein Kopf besitze einen krankhaften Auswuchs, der von ganz tief innen komme, in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Dort diagnostizierte man eine gefährliche Psychose, die den Patienten zu fortwährenden perversen Züngeleien zwänge. Dieser Tatbestand wurde in Form zungenbrecherischerer Fremdwortkonstruktionen in Jo’s Krankenakte eingetragen. Man verklebte das Gesicht des Psychopaten von den Nasenlöchern abwärts mit einem riesigen Pflaster und ernährte ihn künstlich über eine Kanüle.

 Eines Morgens erwachte Jo aus tiefer Narkose. Er spürte eine Veränderung: Das Pflaster war fort und ein Nasenloch juckte. Wie früher wollte er den Juckreiz mit der Zungenspitze stillen, doch gab es keine Zunge mehr. Jo stieß die Bettdecke von sich, stürzte aus dem Bett, tobte im Zimmer umher, schlug alles kurz und klein. Nach zwei Tagen in einer Gummizelle verlegte man ihn in einen abgelegenen geschlossenen Trakt der Klinik, fixiert, weggeschlossen.

 Nach einem halben Jahr, als niemand sich mehr an seinen Fall erinnern konnte oder wollte, tauschte man Jo’s Krankenakte aus. Er erhielt einen neuen Namen, hieß nun Otto Stumpf und galt fortan als schwer traumatisch gestört infolge eines unfallbedingten Verlustes der Sprechfähigkeit.

 

  Nun lebt Jo als Otto Stumpf, lebt seine lieblosen Tage, verlebt sein Leben, stumm, alles ist geregelt.

 Nur zuweilen, vor allem wenn er des morgens vergißt seine Medikamente einzunehmen, überkommen ihn schlimme Phantomschmerzen, dort wo das Gehirn seine Zunge weiß. Dann geht er aufs nächstgelegene Klo, setzt sich auf die Brille, reißt ein paar Blatt Papier ab, zerknüllt und formt sie mit einem Rest Spucke, die er noch hat, in den Händen zu einem Ball. Er schiebt die Kugel in den Mund. Und jedesmal wenn es ihm gelingt den Papierknödel zu zerkauen und hinunterzuwürgen, fühlt er sich etwas stolz. Er versucht sich vorzustellen, er sei sein eigener Magen, der genußvoll den von oben herabströmenden Papierbrei aufnimmt, aber von allem, was vorher damit geschah, nichts weiß und wissen muß. Ganz Magen hockt Otto dann auf dem Deckel, windet sich, zieht sich zusammen, bläht sich auf, verdaut sein Glück, verdaut und verdaut solange bis irgendwer an der Klotür rüttelt und Einlaß begehrt.

 Das Wort „Zunge“ hat er aus seinem Denken verbannt. So ficht es ihn nicht an, wenn Ärzte oder Pfleger gelegentlich sich scherzhaft zurufen, böse Zungen hätten wieder einmal behauptet, Stumpf mache heimlich auf dem Lokus Sprechübungen, der Idiot... Sie wissen nichts vom Leben, wissen nichts über sich, aber reden zuviel.