Spätes Gedenken

 

Bei der Verlegung von sechs Stolpersteinen in Eckernförde werden auch drei „Doppelopfer“ geehrt

 

von Rainer Beuthel

 

 

 

Nachdem die NSDAP 1933 reichsweit die Macht übernommen hatte, begann auch in Eckernförde und Borby sofort die brutale Verfolgung politischer Gegner, insbesondere der Aktivisten der Arbeiterbewegung, also Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter. Hausdurchsuchungen, Verhöre, sogenannte „Schutzhaft“, körperliche Mißhandlungen waren an der Tagesordnung.

 

 

 

Für drei dieser Opfer gab es im Stadtbild Eckernfördes bisher keinen Gedenkort, keinen Straßen- oder Schulnamen. Dies ändert sich nun: im Mai 2019 sollen in Eckernförde sechs Stolpersteine verlegt werden, darunter drei für „Doppelopfer“, Menschen die zunächst von den Nazis drangsaliert wurden, dann als Politemigrant*innen in die Sowjetunion flohen, und dort ebenfalls verfolgt wurden – unter ganz anderen, in der Regel völlig abstrusen und konstruierten Beschuldigungen.

 

 

 

Das Schicksal der Kommunist*innen Otto Faehse, seiner Frau Hilde sowie Helmuth Kock aus Eckernförde und Borby birgt eine besondere Tragik. Als überzeugte Antifaschist*innen emigrierten sie 1934 in die Sowjetunion und gerieten wie hunderttausende anderer Menschen in die Mühlen des stalinistischen Terrors der Jahre nach 1936. Dies ändert natürlich nichts am Verdienst der Roten Armee an der Befreiung von Auschwitz und Europas von der Geißel des deutschen Faschismus. Die Tatsache aber, daß auch überzeugte Gegner des Faschismus als Politemigrant*innen in der Sowjetunion Opfer eines wahnwitzigen Diktators und seiner Schergen wurden, ist Teil der ganzen bitteren Wahrheit. Und Wahrheit ist unteilbar.

 

 

 

Otto Faehse wurde im Jahr 1900 in Eckernförde geboren. Sein Vater war von Beruf Schlosser und – wie es im städtischen Sterbebuch heißt – Höker. Seine Mutter, eine geborene Thomsen, von Beruf Näherin, stammte aus Schleswig. Beide Eltern verstarben früh, der Vater 1907, die Mutter 1911. Viel mehr ist über Ottos Kindheit und Familienverhältnisse nicht bekannt. 1925 findet sich sein Name im städtischen Adressbuch mit dem Zusatz „Bäckergeselle“.

 

 

 

1918, im Jahr der Novemberrevolution, hat Otto Faehse sich der USPD angeschlossen, 1919 der KPD. Er wurde einer der Aktivisten der Partei in Eckernförde und Borby (damals noch eine eigenständige Gemeinde, jetzt ein Stadtteil Eckernfördes), sprach beispielsweise am 1. Mai 1932 vor 240 Zuhörern auf einer Kundgebung auf dem Rathausmarkt oder leitete kurz darauf am 20. Mai eine kommunistische Versammlung im Hotel „Stadt Kiel“ mit 300 Besuchern. 1929 ist er nach Borby gezogen und  kandidierte mit Erfolg auf dem Listenplatz 1 zur dortigen Gemeindevertreterwahl.

 

 

 

Im März 1933 wurde er wiedergewählt, bildete als Kommunist das „Zünglein an der Waage“ für eine linke Mehrheit in Borby zusammen mit der SPD gegenüber Bürgerlichen und Nazis. Mittlerweile waren im Reich die Nazis an der Macht. Otto Faehse konnte sein Mandat nicht mehr antreten, wurde Ende des Monats verhaftet. Er kam über Schleswig ins Konzentrationslager Kuhlen bei Neumünster, dann nach Esterwegen ins Emsland, wurde dort im Rahmen einer Weihnachtsamnestie im Dezember entlassen. Zugleich erhob die Staatsanwaltschaft Kiel gegen ihn und zehn seiner Genossen Anklage wegen Beteiligung an einer Flugblattaktion gegen die Nazis im März.

 

 

 

Im Januar 1934 floh er auf dem Fischkutter seines Genossen Heinrich Otto, der 1940 im KZ Dachau ermordet wurde, nach Dänemark, dann weiter in die Sowjetunion. Er lebte zunächst in Stalingrad. Im März 1938 wurde er in Rostow am Don verhaftet, wurde zu 10 Jahren Freiheitsentzug verurteilt und verstarb am 25.10.1941 im GULAG.

 

 

 

Seine Frau Hilde, geborene Hansen, stammte aus Dorotheenthal, war in leitender Funktion aktiv in der kommunistischen Frauenarbeit in Eckernförde und Borby. Sie wurde  im Februar 1934 verhaftet, nachdem sie zuvor den Kontakt der Ortsgruppe zu ihrem inhaftierten Mann und anderen Genossen aufrecht erhalten und Zeitungen und Flugblätter transportiert hatte. Nach der Entlassung folgte sie im Mai des gleichen Jahres ihrem Mann über Dänemark ins Exil in die Sowjetunion, zusammen mit ihren gemeinsamen Kindern, den Zwillingen Hildegard und Dorothea.

 

 

 

Die Familie lebte zunächst gemeinsam in Stalingrad. Nachdem ihr Mann Otto 1935 nach Rostow am Don beordert worden war, zog Hilde Faehse mit den Kindern nach Moskau und wohnte in einem Emigrantenheim. Ihre Ehe ging in die Brüche, Hilde heiratete erneut, den deutschen Politemigranten Fritz Kiesch. Nachdem dieser ebenfalls im März 1938 im Zuge des stalinistischen „Großen Terrors“ verhaftet worden war, begann für Hilde ein schreckliches Martyrium. Sie verlor die Unterstützung der internationalen Roten Hilfe und staatlicher Stellen und mußte sich und ihre Kinder in großer Not irgendwie durchs Leben bringen. Ihr Gesundheitszustand und der der Kinder verschlechterte sich dramatisch. Im Juni 1941, nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion,  wurde Hilde verhaftet und im Februar 1942 zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Seitdem gilt sie als verschollen und ist wahrscheinlich im GULAG umgekommen. Das Schicksal der Kinder ist unbekannt. Vielleicht wurden sie, wie es häufig geschah, in eine andere Familie adoptiert. Dann hätten sie noch Glück gehabt.

 

 

 

Helmuth Kock wurde 1907 in eine Borbyer Arbeiterfamilie geboren. Die Familie wohnte später im Eckernförder Stadtgebiet. Von Beruf Schmied und Seemann schloß er sich 1930 der KPD an und war einer ihrer Aktivisten vor Ort. In den Parteiunterlagen wurde er als Funktionär einer Parteizelle und Mitglied des Rotfrontkämpferbundes geführt. Wiederholt war er in tätliche Auseinandersetzung mit Nazis und der Staatsgewalt verwickelt, wurde 1931 und 1932 zu Gefängnisstrafen verurteilt. Anfang März 1933 verhafteten ihn die Nazis.

 

 

 

Nach der Entlassung aus der „Schutzhaft“ ist er ebenfalls auf dem Fischkutter Heinrich Ottos vermutlich im Herbst des Jahres über See nach Dänemark geflohen und 1934 weiter in die Sowjetunion emigriert. Er arbeitete zunächst in der Nähe von Moskau in einer Fabrik für Landwirtschaftsmaschinen, später auf einer Schiffswerft in Taganrog am Asowschen Meer. Dort wurde er im August 1937 verhaftet. Seitdem fehlt jede Spur. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er ums Leben gekommen.

 

 

 

Das Schicksal der vom Stalinismus verfolgten Politemigrant*innen in der Sowjetunion war lange Zeit mehr oder weniger tabuisiert. Die offiziöse Geschichtsschreibung der KPdSU und der mit ihr verbundenen Parteien zeigte daran wenig Interesse. Das Thema schien nicht in das heroische Bild eines Staates zu passen, von dem Kommunist*innen in aller Welt „siegen lernen“ sollten. Auch wenn nach Stalins Tod und nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 viele leitende Kader, die Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren, rehabilitiert wurden, blieben die Lebensgeschichten unzähliger „Verschollener“ des GULAG unerforscht. Auf dem Höhepunkt des Terrors, in den Jahren 1937 und 1938, kamen ca. 700000 Menschen ums Leben.

 

 

 

Es bleibt die Aufgabe, das Schicksal der vielen bisher „Namenlosen“ überall vor Ort zu erforschen.

 

 

 

 

 

Ausgewählte Literatur zum Weiterlesen:

 

 

 

Beuthel, Rainer: Otto und Hilde Faehse und Helmuth Kock – Politemigranten aus Borby und Eckernförde als Opfer des stalinistischen „Großen Terrors“. In: Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde, Jg. 2016, S. 281 – 304.

 

 

 

Dettmer, Frauke: Emigranten aus Schleswig-Holstein in der stalinistischen Sowjetunion. In: ZSHG 136 (2011) S. 237 – 266.

 

 

 

Dettmer, Frauke: Hilde Faehse – Von Eckernförde in den Gulag.- In: Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde, Jg. 2016, S. 305 – 313.

 

 

 

Green, Ulrich: Zum Widerstand der Eckernförder KPD gegen das NS-Regime.- Eckernförde: Heimatgemeinschaft Eckernförde, 2017.

 

 

 

„Ich kam als Gast in euer Land gereist…“ Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933 – 1956.- Berlin: Lukas-Verlag, 2013.

 

 

 

In den Fängen des NKWD. Deutsche Opfer des stalinistischen Terrors in der UdSSR.- Berlin: Dietz-Verlag, 1991.

 

 

 

Schlögel, Karl: Terror und Traum. Moskau 1937.- München: Hanser-Verlag, 2008.

 

 

 

Weber, Hermann: „Weiße Flecken“ in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung.- Frankfurt a. Main: isp-Verlag, 1990.